Montag, 10. August 2009

Schnee. Im Sommer.

"Vorsichtig bewegte sie sich durchs Zimmer und hob den Blick zu einem Spiegel: auch Grady war nicht mehr dieselbe. Sie war kein Kind mehr. Es war eine so perfekte Ausrede gewesen, dass sie an der Vorstellung, sie sei noch ein Kind, festgehalten hatte: als sie zum Beispiel Peter gesagt hatte, ihr sei noch nicht in den Sinn gekommen, ob sie Clyde heiraten würde oder nicht, hatte das der Wahrheit entsprochen, aber nur, weil sie das für ein Problem der Erwachsenen gehalten hatte: Hochzeiten geschahen in ferner Zukunft, wenn das graue und ernste Leben begann, und ihr eigenes Leben, glaubte sie fest, hatte noch nicht begonnen; doch als sie sich jetzt dunkel und blass im Spiegel sah, wusste sie, es währte schon sehr lange Zeit.
Lange Zeit: und Clyde zu sehr ein Teil davon: sie wünschte, er wäre tot. Wie bei der Herzkönigin, die unaufhörlich schrie: ab mit seinem Kopf, war das reines Wunschdenken, denn Clyde hatte nichts getan, was die Strenge eines Todesurteils rechtfertigte: dass er sich verlobt hatte, war kein Verbrechen, sondern sein gutes Recht: welchen Anspruch hatte sie überhaupt auf ihn? Es gab keinen, den sie geltend machen konnte; denn sie hatte, uneingestanden, doch in der Mitte ihrer Gefühle, immer eine Vorahnung von Kürze gehabt, ein Wissen, dass er sich nicht in die Alltagskleidung ihrer Zukunft hineinschneidern ließ: aus eben diesem oder fast diesem Grund hatte sie beschlossen, ihn zu lieben: das Vorjahresfeuer sollte er sein, oder hätte er sein sollen, das seinen Schein auf den Schnee warf, der bald genug fallen würde. Bevor sie sich vom Spiegel abwandte, hatte sie gesehen, dass Wetterlagen allesamt unvoraussagbar sind: die Temperatur sank, der Schnee war schon da."

(Truman Capote - Sommerdiebe, S. 78)