Sonntag, 21. August 2011

Ein ganzes Jahr (für C. Schlingensief)

nun doch bereits: ein ganzes jahr
ein ganzes jahr, so vollkommen ohne dich. und doch so sehr mit dir
sensibler PETER PAN - so nah und doch ... du bist
nun doch bereits: ein ganzes jahr
zerstoben
ein ganzes jahr nun:
sternenstaub
in meinen, unseren gedanken
in unseren stummen herzen
die zum himmel aufschauen. an eben diesem heutigen tag
heute sehr - so schmerzlich sehr
universumstiefe
der weg fuehrt immerfort zu dir
immerfort, das bist auch du
und zugleich in deiner intelligenten, strahlenden abwesenheit

so sehr
hier
(fuer Christoph Schlingensief, in memoriam, 24. Oktober 1960 - 21. August 2010)

Montag, 18. Juli 2011

Keine Rückkehr

Ich bin nicht der Gott der Eidechsen und nicht der Gott der Katzen. Ich bin ein Außenseiter, der sich besser gar nicht einmischen sollte. Manchmal kann ich nicht widerstehen und spiele ein bisschen Vorsehnung; ich rette ein Tier vor dem sicheren Tod oder schieße ein Stück Wild, weil ich Fleisch brauche. Aber mit meinen Pfuschereien wird der Wald leicht fertig. Ein neues Reh wächst heran, ein anderes Tier rennt ins Verderben. Ich bin kein ernst zu nehmender Störenfried. Die Nesseln neben dem Stall werden weiterwachsen, auch wenn ich sie hundertmal ausrotte, und sie werden mich überleben. Sie haben so viel mehr Zeit als ich. Einmal werde ich nicht mehr da sein, und keiner wird die Wiese mähen, das Unterholz wird in sie einwachsen, und später wird der Wald bis zur Wand vordringen und sich das Land zurück erobern, das ihm der Mensch geraubt hat. Manchmal verwirren sich meine Gedanken, und es ist, als fange der Wald an, in mir Wurzeln zu schlagen und mit meinem Hirn seine alten, ewigen Gedanken zu denken.
Und der Wald will nicht, dass die Menschen zurückkommen.

(Die Wand - Marlen Haushofer, S. 185)

Dienstag, 19. April 2011

Die Gefahr des Spießertums

Die Verwandlung des Familienvaters aus einem an dem öffentlichen Angelegenheiten interessierten, verantwortlichen Mitglied der Gesellschaft in den Spießer, der nur an seiner privaten Existenz hängt und öffentliche Tugend nicht kennt, ist eine moderne internationale Erscheinung. Die Nöte unserer Zeit - >>bedenkt den Hunger und die große Kälte in diesem Tale, das von Jammer schallt<< (Brecht) - können ihn jeden Tag zum Spielball des Wahnsinns und aller Grausamkeit machen. [...] Der Spießer [...] ist eine internationale Erscheinung, und wir täten gut daran, ihn nicht im blinden Vertrauen, dass nur der deutsche Spießer solch furchtbarer Taten fähig ist, allzusehr in Versuchung zu führen. Der Spießer ist der moderne Massenmensch, betrachtet nicht in seinen exaltierten Augenblicken in der Masse, sondern in sicheren oder vielmehr heute so unsicheren Schutz seiner vier Wände. Er hat die Zweiteilung von Privat und Öffentlich, von Beruf und Familie so weit getrieben, dass er noch nicht einmal in seiner eigenen identischen Person eine Verbindung zwischen beident entdecken kann. Wenn sein Beruf ihn zwingt, Menschen zu morden, so hält er sich nicht für einen Mörder, gerade weil er es nicht aus Neigung, sondern beruflich getan hat. Aus Leidenschaft würde er nicht einer Fliege etwas zu Leide tun.

(S. 35-36, Organisierte Schuld, in: Die verborgene Tradition; Essays, 1944 - Hannah Arendt)

Ich könnte Listen von solchen Menschen erstellen.
Listen.

(Sehr schwer und schmerzlich ist dieser Umstand besonders, da man in vielen das Potential zu einer Besserung sieht, aber es dennoch nicht [mehr] schafft sie zu berühren und zu überzeugen. Sie wissen nicht [mehr] wovon man redet.)

Dienstag, 8. März 2011

Stiller Stil

Man kann noch so viel von der Welt wissen.
Von ihrem Schein, ihrer Trauer, ihrer Schönheit und Zerbrechlichkeit.
Man kann noch so sehr merken wie sehr Verbundenheit und ein Gefühl von Verwandtschaft in einem aufsteigt. Noch so sehr kann man stets seinen eigenen Geschmack erweitern, verfeinern, präzisieren. Man kann noch so viel von sich selbst halten, noch so sicher wissen, dass man Ahnung hat von Vielem. Der Essenz der Dinge, gar. Man kann noch so viele wundervolle Bücher gelesen haben und noch so viele wunderbare Zitate von Musikern in Theaterstücken und anderen Songs wiedererkennen. Man kann noch so liebenswert sein und zuvorkommend und weich und fragil in der Stimme, aufrichtig und interessant im Wesen. Man kann in seinem Kopf noch so viele Sehnsüchte haben, nach mehr Begegnungen, nach mehr Aufmerksamkeit, nach mehr Zusammenkünften, nach mehr Versuchen.
Es. ist. nicht. von. Bedeutung.
Denn immer werden da nur 2 % von einem gesehen.
Dabei will man so sterbend gerne und intensiv aufzeigen, was da für ein Potential in einem steckt. Aber es bringt nichts.
All die Klugheit.
All der Geschmack.
All die Sensibilität.
Für wen?
Diese 2%, sie erhöhen sich nicht. Von einem wird nur ein kleiner Teil wahrgenommen, dabei würde man so gerne mehr zeigen.
Aber kann nichts mehr tun.
Man will auch nichts mehr tun.
Man befürchtet in der letzten Zeit bereits zu viel getan zu haben.
Man weiß es nicht.
Alles zum Scheitern verurteilt.
Aber man will zu sich stehen. Und zu allem, was man wie getan hat. Auch wenn man manchmal gerne vor eine Wand rennen würde. Auch wenn man frustriert ist. Man will es nicht sein.
Man will sich nicht mehr verbeugen.
Man hat es satt zu bitten.
Man möchte sich auf keinen Fall entschuldigen. Weil Dinge vielleicht von bestimmten wichtigen Menschen falsch aufgenommen wurden. So gar nicht, wie man das eigentlich wollte. So ganz und gar nicht. Man kann es nicht erklären. Man will sich nicht erklären. Erklärt man sich, wird man verletzlich, verletzlicher als man in bestimmten Zuständen, in bestimmten Gesellschaften sowieso schon ist.
Nein, man möchte sich für nichts entschuldigen.
Aber die Angst vor Abweisung ist schrecklich erdrückend.
Man bleibt still.
Bleibt still und kann dennoch (vor allem seit heute) nicht umhin diese vergangenen neuen Begegnungen zu lieben.
Man bleibt still und hofft.

Hofft, dass es nicht die Letzten gewesen sind.