Montag, 24. September 2012

Immer noch Sturm


Die Bibliothek, leider eher Ostblock-Style und um Laengen weniger schoen als die in Leipzig, hat immerhin: einen Ausblick zum Meer. Auf diesem hohen, steilen Huegel, den man jeden Tag nun bald hinauflaufen wird, einfach weil hier der Campus ist, die Mensa, die Bibliothek. Der Ort, an dem man sich dann wohl doch am meisten aufhalten wird. Einfach mal die Klappe halten. Und lesen. Wenn man wollte kann man sich hier durch den gesamten Brecht lesen. Er ist vorhanden in dem kleinen aber feinen Regal fuer Deutsche Literatur. Heiner Mueller wurde leider (noch) nicht gesichtet. Aber: Dramen von Peter Weiss und Montauk von Max Frisch, auch jeweils in Deutsch, wurden gleich mal ausgeliehen.
Zunaechst jedoch: Sternstunden der Menschheit von Stefan Zweig in der Bibliothek mit Meeresblick auslesen.
Heute kam der Sturm in Seele und Herz, die Haarspitzen vermissten die Sonne, die Augen ebenso. Kein Licht um einen, dafuer flackernd Sturm und Getoes. Interessanterweise sind da viele Gruentoene um einen, da sind diese Pinien. Pinien und Meer, das gehoert wohl zusammen, die haben wohl stets eine Zukunft, streiten sich nie ueber Entscheidungen, sind nicht nervoes zueinander und machen sich auch keine Vorwuerfe.
Meer und Pinien und . . . immer noch Sturm.
Immer wieder sieht man wen Bekanntes und irgendwie ist das auch niedlich. Das Fremde ist vertraut. Zuweilen die Strassen: wie lebende Bilderbuecher, es zieht durch die Fenster, aber alles ist so bunt und unwirklich.
Neuanfaenge, aufgeladen mit Kaelte.

Samstag, 22. September 2012

Jenseits des Punk

Vielleicht muss man dann manchmal doch abwarten. Aber leicht ist es nicht und am liebsten: einfach die Sachen packen und wieder hin zur Großstadt. Neue Gesichter sind wunderbar aber meist doch eher anstrengend. Zumindest gerade. In diesem Kaff begegnen einem die gleiche Person ein ums andere mal. Beengend. Aber, ob man dann vielleicht doch abwarten muss? Auf neue Begegnungen? Aber gerade fehlt die Lust und die Sehnsucht nach Tiefe und Weitsicht ist unermesslich. Intensität der Langeweile, bereits jetzt. Von wegen Joy Division. Von wegen The Clash und Punk. Nicht mehr als positive Vorurteile Intellektueller und Künstler. Vielleicht in London, ja. Aber nicht hier. Dies zermürbt und lässt einen schlecht fühlen. Sehr. Natürlich, noch hat die Uni hier nicht begonnen, aber ob dies Veränderung bringt bleibt als Fragezeichen im Raum. Vermisst werden Menschen, die einem vertraut sind, Weiten und Größen, die man hier vergeblich sucht. Die Niedlichkeit der Straßen und Häuser kann leicht alles mit kaltem Zuckerguss überziehen. Die Kälte der Langeweile. Jeder sieht jeden und nichts ist Geheimnis – alles andere als Wärme kommt so auf. Dann aber auch wieder: Das gleiche Schicksal teilen mit den anderen, jedoch wirkt es so, als sei man voll mit Anspruch, der nirgends ankommt und vor allem: der nirgends gebraucht wird. Was tun? Zurück zu den vertrauten Menschen mit ihren wundervollen Blicken und Zärtlichkeiten? Nein. Es gibt sicher noch Neues zu entdecken. Ganz bestimmt.

Freitag, 21. September 2012

Der Zwang der Konfrontation

Der erste wahre Tag in Wales. Viel Frust hinter mir, aber auch viel Erreichtes und Geschafftes. Essen gekauft und besonders die Enge und das mehr als Ungemütliche des eigenen Zimmers in Kauf genommen. Immerhin: Kurt Weill und Bertolt Brecht, Dreigroschenoper, Die Seeräuberjenny, nun aus aus den Lautsprechern des Laptops. Das macht vieles wieder wett. Den ekligen Siff des Zimmers. Den viel zu kleinen, dreckigen und kaputten Drehstuhl. Den Schreibtisch, der nicht wirklich einer ist, sondern eine schwarze, kalte hässliche Marmorplatte. Den braunen Teppichboden, der sich wie ein fieses Ungeheuer durch das ganze Appartment zieht und mit seinem Grad an Schmutz seinesgleichen sucht. Und anders als mit Schuhen an den Füßen traut man sich nur sehr selten ihn zu betreten. Weiter geht es - mit Patti Smith und auch mit mir. Ein kleiner, leiser Automatismus scheint mit solchen Auslandsaufenthalten einherzugehen: die Synapsen des eigenen Gehirns ordnen ihre kleinen Galaxien neu an. Stellen ihre Weichen um zu anderen Wegen. Einfach geschieht dies, und dennoch spürbar. Man ist wirklich hier und verdammt man merkt mehr und mehr: man ist hier – und kann nun erst einmal nicht mehr zum Dort.
Der Zwang der Konfrontation.
Es ist nicht eigentlich Schmerz, aber dessen kleine neugierige Verwandte. Eine Angst, die einen nach vorne blicken lässt. (Lassen muss). Die Alternative würde einen ersticken.
Erste Begegnungen und ja: schon das erste Bier ausgegeben bekommen. More by accident.
Wie sich Unterhaltungen zu Beginn als sehr dröge und langweilig und im Verlauf dann als interessant und anders herausstellen – ein Wunder, altbekannt und dennoch so jungfräulich, da die Stimmen, denen man zuhört und die Ohren zu denen man spricht gänzlich Unbekannte sind. Stetes Englisch, wunderbar. Kaum Mühe. Irgendwie.
Heute gemerkt: manche Menschen aus Finnland haben einen netten Akzent, wenn sie Englisch sprechen.

Samstag, 15. September 2012

Einfach mal loslaufen

Vielleicht einfach mal: loslaufen.
Die Straßen hinab, die Sterne im Nacken. Die Füße auf dem Asphalt. Die Dunkelheit der Städte ist Geborgenheit. Ein letztes Wochenende. Bitte nicht verschenken. Sich selbst verschwenden. Angefüllt mit Unheimlichkeiten. Für die anderen in der sternenklaren Nacht. Wache halten, ohne recht zu wissen für wen. Oder was. Vielleicht: einfach mal aufstehen. Vom Sessel. Hinaus aus den Büchern, hinein in . . .
Tränen in Pfützen und Lachen vom Regen. Und lachen müssen im Regen. Sich regen und gehen. Hinein in die Straßen, die Treppen hinauf und hinab. An bekannte Orte und fremde Gesichter durchleuchten mit Nichtachtung.
Und nicht immer so blind sein, so blind und taub gegenüber den Bedürfnissen und der Lebendigkeit anderer. Liebe ist groß, ihr seht es nur nie. Heute wieder so einen gesehen. Nur zweidimensional, aber trotzdem sehr da. Es ist nicht damit getan nur sich selbst zu genügen. Man muss bereit sein sein Wissen, seine Trauer und seine Fröhlichkeit an andere zu verschwenden. Denn es zählt doch letztlich: das Echo. Die Reflektion. Der Kontakt. Und nicht man selbst. In diesem selbstgefälligen, eitlen Käfig. Und ja: du darfst Fehler machen. Und ja: auch deine Freunde dürfen Fehler machen. Und nein: schäme dich niemals nie für sie in deiner Arroganz. Dies alles will gesagt werden, aber - mit Filmfiguren zu sprechen ist reichlich müßig.
Deshalb stattdessen:
Vielleicht einfach mal: loslaufen.
Die Straßen hinab, die Sterne auf der Stirn klebend.
Die Füße über dem Boden schwebend, in Schnelligkeit.

Freitag, 7. September 2012

11 Tage

11 kleine, feine Tage - genug, um sehr viel nachzudenken. Genug um mehrmals noch durch all die Leipziger Straßen zu radeln. Genug um die Buchhandlungen zu fotografieren und die noch ausstehenden Sachen zu regeln. Aber die Tage, sie zerrieseln mir in den Handflächen wie Wüstensand. Ist die Bettdecke über meinen Kopf gezogen und sind die Kerzen ausgepustet, die Doku auf Arte zuende gesehen oder das Buch (gerade Houellebecq, was unpassender nicht sein könnte und dadurch seltsam entrückt stimmig ist) um einige Kapitel weiter gelesen, beginnt mit dem Rattern der Straßenbahnen am folgenden Morgen der neue Tag - und damit auch die konstante Verminderung der verbleibenden Zeit hier in Leipzig.
Hier in Deutschland.
11 Tage voller Wunderlichkeiten, so erhoffe ich es mir. Seltsame Intensitäten verspürend. Oftmals feuchte Augen. Aber auch Rat- und Rastlosigkeit, da alles so gut wie erledigt ist für die große Reise und nun die Treffen zu führen sind mit Freunden. Die letzten wichtigen Treffen mit Freunden, bei denen hoffentlich viel getrunken und gelacht, geschwiegen und mitgefühlt wird. Angst vor der Melancholie des Abschieds. Nicht stehenbleiben. Weitermachen. Zu viel Stagnation noch immer. Zu wenig wach. Gleich aufs Rad, durch die Stadt. Abends dann: Freunde treffen. Tanzen. Trinken. Reden. Füreinander da sein.
Immer da sein.
Auch wenn man weg ist.