Donnerstag, 17. Juni 2010

Bitterkeit und Verlust (inmitten von Eis)

Familie. Der Halt, den sie geben soll. Und auch meistens gibt. Diese Ambivalenz, mit der sie einen aber auch konfrontiert. Sich loslösen von der Familie, der eigenen, das ist nicht leicht. Sie ist immer bei einem, ob man will oder nicht. In der Familie hat man seine Wurzeln, irgendwie. Wurzeln leugnen – manchmal ist dies notwendig, um sich selbst neu zu erschaffen. Alles ist vereist – die Welt in diesem Film, die Bäume und Straßen. Umschlossen von Erstarrtem. Familiengefüge – auch sie sind erstarrt. Bilden Konventionen und Räume, die sich durch unsichtbare Regeln und Rituale definieren. Wie kalte, blaue Bänder durchziehen Nicht-Gesagtes, Unausgesprochenes und Selbstverständlichkeiten gemeinsames Zusammenleben. Zusammenleben als Nebeneinanderherleben. Beziehungen – festgefahren, erstarrt, tot. Draußen ist es Herbst - und so auch in den Köpfen der Erwachsenen. In ihrer Welt. Aber dennoch: ihre Welt erscheint nicht sonderlich anders, als die der Kinder in diesem Film, im Eissturm von Ang Lee. Abziehbilder, Schablonen, sonst nichts.
Abbild kindlicher Neugierde und Melancholie, nur umschlossen von mehr Eis, mehr Kälte und mehr Stagnation. Wiederholung von Mustern. Küsse und Umarmungen, Angst vor Nähe und vor zudringlicher Körperlichkeit. Jedoch: trotz Jugend ist keine wirkliche Leichtigkeit, keine Schwerelosigkeit zu spüren. Jeder Annäherungsversuch: durchtränkt mit dunklen, moderigen Zweifeln. In den Kindern sieht man nichts anderes als die bereits gelebte tote Zukunft beider Elternpaare. Abgestorben in Zweisamkeit. Sich zusammen einrichten in Unzufriedenheit, Spießigkeit und Einsamkeit. Draußen gefriert die Welt – die Moleküle pappen zusammen.
Sie kleben aufeinander. Ebenso, wie die Menschen.
Eis ist glatt, Eis kann einen erkalten lassen. Eis zerbricht und zerfällt jedoch auch schnell unter den Fingern. Fließt fort. Genauso wie ein Menschenleben. So leicht ist es zu verlieren. Inmitten von Festgefahrenheit, inmitten von langehelicher Gewöhnung und tiefer Resignation geht dann plötzlich wer verloren. Er schmilzt einfach hinfort. Dieser Teil der Familie.
Er ist nun verschwunden, er ist nicht mehr da.
Was nun seinen Platz einnimmt, inmitten des Eises an diesem kalten, herbstlichen Morgen, inmitten dieser nun zerfaserten Familie:
das Vermissen, der Schmerz und

der Verlust.

Dienstag, 1. Dezember 2009

Ein Käfig sucht einen Vogel

Da sind zunächst einmal all diese vielen Kinder. Diese vielen jungen, sanften Gesichter, die jedoch in eben diesen jungen Jahren ihres frühen Lebens bereits Geschichte haben. Es sind die Augen. Die Augen, die uns dies verraten. Sanft und subtil. Still, leise und dunkel ziehen uns diese Augen hinein in einen Sog, hinab in eine Tiefe und Traurigkeit. Wie schwarzer Treibsand. Licht und Schatten. Verlorene Unschuld.
Der Film, er ist nicht umsonst in Schwarz und Weiß gehalten. Durch den Entzug der Farbe sind die Bilder klarer, schärfer, härter. Und besitzen zugleich eine zerbrechliche, fragile Sanftheit, die einen mit ihrer Wahrheit erschreckt. Die Kinder, sie sind die Wahrheit in diesem Film. Zugleich jedoch ist alles irgendwie seltsam, denn hinter Kinderaugen und Häuserfassaden und unter weiten Feldern und Lichtungen verbergen sich Geheimnisse. Geheimnisse, die wehtun. Die verletzen. Die beklemmen.
Der Film, er ist ein Rätsel. Er fühlt sich vergangen an, nahezu klassisch – und weist dadurch noch viel mehr in die Zukunft. Dieser Film hat etwas Prophezeiendes. Er ist ruhig und verschwiegen und so in seinen stillen und verborgenen Momenten am schwersten zu ertragen.
Kurz vor Beginn des ersten Weltkrieges spielend weist sein Mikrokosmos an Grausamkeiten, Misshandlungen, Verschwiegenheiten und dunklen, sadistischen Taten auf eine düstere, nicht zu verhindernde Zukunft. Nicht umsonst ist Das weiße Band von Michael Haneke mit Eine deutsche Kindergeschichte untertitelt. Nicht umsonst ist dieser Untertitel in altdeutscher Sütterlinschrift gehalten. Und nicht umsonst trägt der Handlungsort – ein fiktives Dorf - den Namen Eichwald.
Es ist schwer diesen Film nicht explizit als eine Parabel auf deutsche Geschichte und Pädagogik zu sehen. Immer wieder geht es in diesem Film um die Kinder. Wie sie die Welt sehen, wie sie von Erwachsenen behandelt werden. Immer wieder sieht man ihre Reaktionen, erblickt man diese Augen – die alle meist sehr traurig oder sehr kalt und unheimlich starren. Tränen und ein Gefühl von zu wenig Luft. Zu wenig Freiheit. Zu wenig Verständnis. Durch das konsequente Schwarz/Weiß des Filmes wirken die Häuser, die Fenster, die Zimmer mit den Möbeln und Teppichen, ja wirkt selbst der Schatten eines Fensterkreuzes zutiefst begrenzend. Einengend. Richtend. Dieses Dorf – es ist eine eigene kleine Welt, ein Kreis von Misstrauen, Gewalt, Angst und Trauer. Die wenigen Totalen auf wogende Felder und dunkle Wälder lassen einen leicht aufatmen. Gleichzeitig spürt man jedoch auch, dass sich die grausame Innenwelt des Dorfes nun auf die nicht mehr länger unschuldige Außenwelt ausgebreitet hat. Das noch mehr passiert, als in diesem Dorf geschehen ist. Das dies nur der traurige Anfang war. Der Grundstein.
Es geht auch um das Patriarchat. Um die Figur des Ehemannes. Des Pfarrers. Und natürlich um die Figur des Vaters. Der verschiedenen Väter all dieser unglücklichen Kinder. Geradezu zynisch mutet es an, dass der einzig gute Mann in diesem Film – der Lehrer – als eigentlich wirklich beruflicher Pädagoge – vom Pfarrer als schlechter, unmoralischer Mensch betitelt wird.

Das weiße Band ist ein Film, der einen mit seiner Wahrheit, seiner Unbarmherzigkeit und seiner Subtilität zerreißt. Bezeichnend für die Geschichte dieser Kinder, bezeichnend für den ganzen Film ist die Bemerkung des Pfarrers und Vaters über einen Vogel. Den Vogel, den sein Sohn draußen gefunden hat und ihm dann mit dem Wunsch zeigt, ihn in einem Käfig wieder gesund zu pflegen. Der Pfarrer weist seinen Sohn sogleich daraufhin, dass dieser Vogel – da er die Freiheit kennt und gewohnt ist – nicht in diesem Käfig bleiben, sondern, sobald er wieder gesund ist, nach draußen entlassen werden muss. Sonst wird er sterben. Dieser Vater, wie auch alle anderen Väter in diesem Film, haben jedoch eine Sache nicht bedacht: Die berechtigte Mahnung, die an den Vogel gerichtet ist muss eigentlich den Kindern gelten. Bei ihren eigenen Kindern jedoch haben sie diese vergessen.
Dass Clara, eines der Kinder, gegen Ende des Filmes den Vogel mit einer Schere durchsticht und den Kadaver mit der Schere darin auf des Vaters Schreibtisch platziert, ist somit die einzig richtige und mögliche Konsequenz – und dadurch ist diese so ungemein traurig.
Und so ungemein schwer zu ertragen.

Donnerstag, 10. September 2009

Jedem das Seine

Inglorious Basterds ist erschreckend.
Es ist einer der ungewöhnlichsten und auf seltsam-tröstliche Art einer der absolutesten Spielfilme gegen den Greul und die Perfidität des Nationalsozialismus. Und das von Tarantino. Das ist mehr als erstaunlich. Der Film ist nicht eigentlich witzig - zeigt er doch den Humor der Nazis. Und dieser Humor ist eiskalt. Dieser Humor ist unbarmherzig. Ohne Mitgefühl. Ohne Güte.
Der perfekt durchkomponierte Prolog ist in all seiner konsequenten Härte und Unmittelbarkeit kaum zu ertragen. Es sind die kleinen Nuancen, die kleinen Bewegungen und Blicke, die einen zerbrechen, die einen verwirren. Die unerträglich sind.
Dieser Film ist ein Märchen. Eine tröstliche Wunschvorstellung, die so niemals hätte stattfinden können. Die es so leider nie geben konnte. Die es so nie gegeben hat.
Ein Film, der dem Drang, dem verzweifelten Wunsch, der verzweifelten Herbeisehnung eines perfekten Happy Ends nachgibt.
Dann ist da dieser eine magische Ort. An dem die Fäden zusammen laufen. An dem das schier Unmögliche geschiet.
Das Kino.
Das Lichtspieltheater.
Ort der Wünsche. Ort fremder Welten und inszenierter Realitäten. Träume - gebannt auf Zelluloid. Diesen Ort nutzen für dieses famose, absolute, grandiose Happy End. Für das wirklich endgültige Ende all der Grausamkeit. Allesamt. An diesem Ort. Eine wundervolle Vorstellung. Die Kunst - zuvor selbst von den Nazis verboten, zensiert und schlussendlich vernichtet und zu Asche verbrannt - richtet sich gegen ihre Peiniger. Indem sie sich nicht zerstören lässt, sondern sich freiwillig selbst aufgibt, sich freiwillig selbst zerstört. Um zu befreien. Um zu erlösen.
All die Filmerinnerungen, all die Geschichten, all die Kunst aufgefangen und archiviert in diesen Filmrollen - sie gehen in Flammen auf, verwandeln sich in Rauch, auf welchen die letzte, entscheidene Botschaft projiziert wird.
Der Kinosaal als Richtplatz. Als Versammlungsort. Sie alle müssen (zu)sehen. Sie alle sind dort - schauen in den Rauch, spüren die Flammen, spüren dieHitze, riechen die chemischen Dämpfe. Ohne ihren Blick abwenden zu können. Ohne die Augen verschließen zu können. Nicht mehr.
Sie alle dort gehen unter. Sterben.
All dies Böse, all die Grausamkeit, all die Unbegreiflichkeit und Unfassbarkeit - mit einem Mal vernichtet. Inmitten eines dunklen Raumes, vor einer blendend weißen Leinwand, die langsam in Flammen aufgeht.
Dies ist es: das Happy End.
Dies ist er: der Trost.
Der Trost, der zugleich so unendlich schmerzt, der so schrecklich unzureichend ist, weil man weiß, dass Märchen bei all ihrer Güte und Wärme vor allem eines sind: erfunden.

Mittwoch, 6. August 2008

"Shoah lässt den Zuschauer erstarren, er überwältigt ihn, und schließlich – mit unendlicher Zartheit und Behutsamkeit, hinterlässt er bei ihm eine Verletzung, eine Narbe. Es gibt Augenblicke in diesem Film, in denen man es nicht mehr ertragen kann, einen anderen Menschen zu sehen; diese Momente muss man allein erleben.[...]"

(Jim Hoberman: Shoah: Zeugnis der Vernichtung. In: The Village Voice, New York, 29.10.1985)

Ich fing gestern um 20:00 Uhr an und war heute morgen gegen 6:00 Uhr fertig.
Ich kann nicht mehr.
Ich weiß nichts mehr zu sagen.
Es gibt nichts zu sagen.
Was kann ich auch darüber schreiben?
Was?

Dienstag, 5. August 2008

Heute bin ich

in unsere gut sortierte Bibliothek gegangen und habe es tatsächlich getan.
Habe mich getraut diesen einen Film auszuleihen.
Und werde jetzt gleich auch diesen einen Film anschauen.
Am Stück.
Ohne Unterbrechung.
Ohne Pause.
Bis zum Schluss.
Nur so werde ich diesem Film gerecht.

Dem neuneinhalbstündigen Film Shoah von Claude Lanzmann.

(Ein Freund von mir hat dieses "Erlebnis" bereits hinter sich. Durch ihn kenne ich den Film. Ich weiß nicht, ob er noch regelmäßig hier vorbei schaut, aber wenn möchte ich ihm auf diesem Wege danken, dass er mir von diesem Film erzählt hat.
Er weiß wie es ist Shoah ganz, am Stück ausgehalten zu haben.
Ich weiß es noch nicht. Und ich hoffe, ich schaffe es...)

Samstag, 8. März 2008

Leere Korridore und kalter Sonnenschein


Irgendetwas ist an diesem Film, was mich fasziniert, auch wenn ich nicht behaupten kann ihn komplett verstanden zu haben. Ich habe es nicht so mit Kriminalgeschichten - zu viele Leute, zu viele Spuren, da komme ich meist durcheinander.
Obwohl ich also oft mit einem Stirnrunzeln und leichten Kopfschmerzen vor dem Fernseher saß, muss ich sagen, dass Brick etwas Wundervolles, Schwebendes an sich hat.
Brick hat eine ähnlich mystisch-blaue Stimmung wie Richard Kellys Donnie Darko und es ist bemerkenswert, dass beide Filme Erstlingswerke sind - herausragende wohlgemerkt, wobei Donnie Darko noch komplexer und universeller in seinen Themen ist, als Brick. Dennoch ist dieser deshalb keinesfalls seicht. Vielmehr nimmt sich Brick den Noir-Film zum Vorbild - transportiert gekonnt dessen typische Elemente und Charaktere in ein anders Umfeld, transportiert sie in die Highschool mit all ihren bekannten cliquenhaften Strukturen und Gruppierungen. Rian Johnson schafft es mit dieser Verschiebung die Themen des Noir-Filmes aus ihren dunklen, verrauchten Büros hinaus ans Tageslicht zu ziehen. Und das sowohl im wörtlichen als auch im übertragenden Sinn.
Brick setzt die Merkmale des Noir-Films sozusagen ins Negative - einerseits indem er weite, klare Räume, wie den leeren Schulhof, den sonnendurchfluteten Säulengang draußen vor der Turnhalle, die Helligkeit und Klarheit von weiten Wolkenhimmeln, das endlos leere Weiß der Wände und Garagentüren zeigt und andererseits indem er die Jugend zum Hauptakteur seiner Geschichte macht.
Dadurch wird deutlich, dass Themen wie Drogenmissbrauch, Außenseitertum, Abweisung, Akzeptanz, Mord und Korruption nicht auf eine Altersgruppe, nicht auf einen Bereich beschränkt sind, sondern überall, an jedem Ort und in jedem Menschen jedweden Alters vorzufinden sind.
Die vermeintlichen Gegensätze - Film-Noir und Teenagerdrama - treffen aufeinander, verschmelzen zu einem Ganzen und erschaffen damit eine klare, direkte Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, die berührt.
Auch wenn in einigen Szenen eine leichte, bittersüße Ironie mitschwingt, wenn die geschaffenen Begebenheiten erneut gebrochen werden. Wenn Brendan von der Mutter des Drogenbosses "The Pin" in der Küche bei ihm zu Hause ein Glas Apfelsaft bekommt, während unten im Keller die Drogengeschäfte abgewickelt werden - dann ist das seltsam verquer, tragisch-komisch und doch eben deshalb so richtig.
Denn jeder Mensch spielt unterschiedliche Rollen und jeder Mensch ist ein eigenes Universum, dessen Schwärze und Tiefe niemand zur Gänze ermessen kann - außer er selbst.

Freitag, 23. November 2007

Zeigen sie denen "Schindlers Liste", das macht mehr Eindruck.

Es ist immer schwer ein Filmerlebnis in Worte zu fassen, immer schwer greifbar zu machen, was einen daran so berührt, so fasziniert, was der Film in einem verändert hat.
Ich komme gerade aus dem Kino und bereits während des Filmes wusste ich, dass ich etwas über ihn schreiben muss, dass ich irgendwie ausdrücken, deutlich machen muss wie wichtig und wie außergewöhnlich dieser Film ist.
In Am Ende kommen Touristen von Robert Thalheim sind so viele Schichten und feine Nuancen, hat jedes Wort, jede Betonung eines Wortes, jede Bewegung eine so große Bedeutung, dass es mir schwer fällt der Komplexität dieses Filmes mit meinen Worten gerecht zu werden, dass ich Angst habe, das Wesen des Filmes gar nicht richtig fassen zu können.
Es ist ein kluger, ja ein weiser Film.
Es ist kein Film über das Vernichtungslager Auschwitz.
Es ist ein Film über Menschlichkeit, über den richtigen Umgang mit der Vergangenheit, über das Reflektieren und Nachdenken der Geschichte, die vergangen ist und doch auch immer die Gegenwart formt, über den Prozess des Erinnerns und des Verarbeitens, des Beschäftigens mit der Vergangeheit ohne aufgesetzte Betroffenheit, ohne routinierte Trauer. Der Film zeigt wie schrecklich, wie ekelhaft, wie grausam Aufgesetztheit sein kann, wie viel Schaden statt eigentlichen Nutzen sie anrichten kann.
Wenn man die Errichtung eines Gedenksteines stellt, inszeniert wie ein Fotoshooting für eine Werbeanzeige.
Wenn man einen ehemaligen KZ-Häftling vor dem Gedenkstein platziert, ja geradezu posiert, damit es auf dem Foto auch schön aussieht.
Wenn er erst von Auschwitz berichten soll und man ihm dann mitten ins Wort fällt, weil er schon zu lang redet um noch mitzureißen, um noch aufregend zu sein.
Wenn man ihn reden hört ohne wirklich erkennen zu wollen, was er da erzählt, ohne wirklich registrieren zu wollen, was er da erlebt, überlebt hat.
Wenn man die Gedenkstätte Auschwitz als Museum pflegt und das eigentliche Geschehen, den Genozid vergisst.
Wenn man so darauf bedacht ist, die Vergangenheit zu konservieren, dass die Bedeutung der Häftlingskoffer die Bedeutung der Opfer übersteigt.
Wenn immerzu betroffen-ernst geflüstert wird, dies sei ein sensibler Ort und dabei aber das Wesentliche vergessen wird.
Wenn man letztendlich die Menschen, die hinter diesem Begriff Auschwitz stehen, aus dem Auge verliert.

Diejenigen, um die und nur um die es eigentlich gehen sollte.

Sonntag, 11. November 2007

Out, damn'd spot! Out, I say!

Idyllische Landschaft zu Beginn, weite, grüne Wiesen, ländliche Gegend, Natur. Ein Mädchen sitzt im Gras, schreibt.
Alles ist friedlich, still, doch da ist diese leise Musik, diese leise, doch drängende Musik, die Spannung erzeugt, die einen stutzen lässt, die einem das Gefühl gibt, dass das nicht alles sein kann, dass da noch mehr sein muss, dass der schöne Schein nicht bleiben kann, dass etwas folgenschweres passieren wird.
In diese Musik mischt sich, erst zögerlich und leise, dann immer lauter, schneller und drängender das harte Klackern einer Schreibmaschine.
Dieses Tippen vermischt sich mit der Musik, wird Teil der Komposition, gibt Rhythmus, gibt Takt vor.
Abbitte, der zweite Film von Regisseur Joe Wright, der erst kürzlich mit seiner Verfilmung von Jane Austens Roman Stolz und Vorurteil brillierte, ist ein genialer, ein großer, ein schwerer Film.
Es ist ein Film über Schuld und Sühne, ein Film, der einen nachdenken lässt, der klarstellt, dass jede Entscheidung, jede Handlung Konsequenzen haben kann, der uns daran erinnert wie schnell ein Leben zerstört werden kann und wie schwer, wie drückend Gewissen und Schuld auf einem lasten können.
Immer wieder werden Geschehnisse angedeutet, durch Vorgriffe auf Ereignisse, die erst in den Rückblenden vom Zuschauer in ihrer Tragweite verstanden werden.
Immer wieder glaubt der Zuschauer vermeintliche Enthüllungen, Wahrheiten, Realitäten zu sehen, nur um am Ende zu merken, dass es doch wieder nur die Fiktion, die Illusion, der schöne Schein ist.
Abbitte ist ein Film, der verzaubert und berührt, der so voll ist von genialen, wunderschönen und großen Bildern, der einen beeindruckt und ans Herz geht durch seine komplexe Geschichte und seiner vielschichtigen Schnittmontage. Es bleibt einem der Mund offen stehen, wenn in einer Szene alle Bewegungen rückwarts laufen, wenn versucht wird die Zeit zurückzudrehen, um einen Moment wiederzuholen, der für immer verloren ist, um eine Handlung ungeschehen zu machen.
Und dann hören wir immer wieder das Klackern der Schreibmaschine in unserem Kopf und wir spüren, dass dieses Leitmotiv zu Brionys Leben gehört, das dieser eine Fehler, das diese Schuld beglichen werden muss, immer und immer wieder bis die Fantasie und Fiktion ein kleines Wunder vollbringt, ein Wunder, mit bitterem, traurigem Nachgeschmack, da auch die größte Vorstellungskraft die Wirklichkeit nicht ändern und Geschehenes nicht ungeschehen machen kann.

Mittwoch, 26. September 2007

Konsumsplitter

Mein erster Antonioni-Film war Blow Up, ein sehr unheimlicher, spannender, mysteriöser Film. Das sichtbare Unsichtbare, dieser Park im Wind, das laute Rascheln der Bäume. Die Kamera, immer wieder, die Kamera. Das schnelle, schneidende Klicken des Auslösers. Dieser rießengroße Propeller, das verrückte Ende mit dem Ball, der nicht da ist, aber dennoch aufgehoben wird.
Und, natürlich, diese Bilder, die immer größer werden und immer unschärfer, gröber, gegenstandsloser.
Nun, natürlich mit großer Freude gelesen, dass Antonionis Zabriskie Point in meinem Kino läuft und mit hohen Erwartungen in den dunklen Saal gesetzt. Und, ja wieder einmal sind da viele wundervolle, einmalige Szenen, viele Bilder, die ins Herz treffen. Sie entschädigen für den schwächeren ersten Teil des Filmes, denn Zabriskie Point steigert sich eben da, am titelgebenden Punkt, wenn wir zusammen mit den beiden Hauptdarstellern die Straßen, den Verkehr, das Städtische verlassen und den weißen, kalkig-staubigen Weiten ausgesetzt sind, Leere und Abwesenheit spüren.
Wie schön diese Einstellung, die sehr an Gus Van Sants Gerry erinnert, in der sie beide in die weiße Hügellandschaft, in das ausgetrocknete Flussbett laufen, schreiend und springend. Sich hineinschmeißen und bedecken mit weißer, karger Natur. Wundervoll, diese lange Einstellung, in der nach und nach immer mehr Menschen in den Furchen und Tälern zu sehen sind. Liegend, sitzend.
Ein Flugzeug wird bunt angemalt und dann tritt man die Rückreise an, die Rückkehr zur Zivilisation, zur Technik, zum Alltag, zur kantigen Künstlichkeit.

Das Ende von Zabriskie Point ist beinahe schon surreal.
Surreal schön.
Einmal mehr sehen wir etwas, was eigentlich nicht zu sehen ist. Ein Haus zerfällt in Stücke, explodiert. Immer und immer wieder.
Etwas fliegt durch die Luft. Kühlschränke, Kleider, tiefgekühlte Hähnchen.
Sie fliegen, nein eigentlich schweben sie, sind beinahe schwerelos. Sie zerfasern in unendlicher Langsamkeit.
Und da, genau da, inmitten all diesen tanzenden, geformten, künstlichen Gegenständen wird einem bewusst, dass er doch auch manchmal stimmen kann, dieser Spruch, einst grinsend in einem anderen Film von Donnie ausgesprochen:
Destruction is a form of creation.

Freitag, 7. September 2007

Der Junge mit dem Perlenohrring

Ein Junge, im Profil, schaut aus einem Fenster.
Sein Blick ist wachsam, konzentriert. Es ist Hallam, er sitzt in seinem Baumhaus, ein Fernglas in der Hand. Er beobachtet. Nebelig und weit ist es da draußen, das Holz ist klamm, seine Hände sind kalt. Glücklich ist er, aber ein Schatten liegt auf seinem Herzen. Verlust und Tod flüstert der Schatten. Dort unten, tief unten im nassen See, da ist sie hingetrieben.
Tot, das ist sie. Seine Mutter.
Hallam, er ist noch immer da, in dem Baumhaus, aber ihm fehlt etwas.
Roter Lippenstift, schwarze Farbe unter die sanften Augen, ein Dachsfell auf dem Kopf, das ist Hallam Foe.
Er beobachtet die Menschen, schreibt, zeichnet deren Leben auf. Ist lieber auf dem Baum mit sich alleine, als zusammen mit anderen. Mag es die Welt und den Himmel zu betrachten, von roten Dächern aus. Auf Dachziegeln wandern, durch gelb erleuchtete Fenster blicken, das Leben dahinter…
Klettert Regenrinnen hinauf. Sucht nach dem, was ihm genommen wurde. Blickt hinter dem weißen, hell erleuchteten Ziffernblatt einer Turmuhr auf das schlafende Edingburgh.
Manches Mal liest Hallam die Geburtstagskarte, seine Geburtstagskarte von der er doch schon jedes Wort auswendig kennt. In Liebe, Mummy steht da. Traurig, so schrecklich traurig macht ihn das. Wo ist sie nur? Wo ist sie?
Er zieht ihr graues, leichtes Kleid an, ein bisschen nur, ein bisschen von der alten Geborgenheit.
Ihr Ohrring hängt an seinem Ohr. Es blutet.
Ein Tropfen, zärtlich, vorsichtig verstrichen auf dem schon ganz faltigen Umschlag.

Er meint seine Mutter wieder gefunden zu haben. Er schaut in ihre warme, goldgelbene Wohnung hinein. Und dann, durch ein Wunder, ist er nicht mehr über ihr, auf dem Dach, sondern bei ihr, in ihren Armen. Der Hallam draußen in der dunklen Nacht winkt dem Hallam im geborgenen Bett zu.
Er hat es geschafft, der Schatten in seinem Herzen beginnt sich langsam zu lösen. Aber völlig verschwinden wird er nie. Schatten bleiben.
Sie in dem Kleid seiner Mutter, so schön, so schmerzlich schön und traurig.


Auch die Wut ist groß, die Trauer und Wut darüber, dass sie ihn verlassen hat. Sie hat dich geliebt sagt der Vater. Ja aber nicht genug um bei mir zu bleiben antwortet Hallam. Da umarmen sich beide und einmal mehr fühlt man ein Stechen, fühlt wie wahr diese Szene, wie wahr dieser gesamte Film ist.
Und man spürt wie gut Jamie Bell wirklich ist.