Freitag, 29. Juni 2007

Held im Schatten

»Wie viele Raschheiten und Leichtigkeiten seinem Werk abträglich sein mögen, ich glaube ernstlich, daß er zu den Begabtesten seiner Generation gehörte, vielleicht der Allerbegabteste war.«


Thomas Mann sagte dies über Klaus Mann, seinem ältesten Sohn. Kurz nachdem Klaus sich mit einer Überdosis Schlaftabletten in Cannes 1949 das Leben nahm.
Leider hat Thomas Mann es versäumt es ihm früher schon in dieser Klarheit und Deutlichkeit zu sagen.
Es kommt spät, dieses positive Urteil über den eigenen Sohn. Zu spät für Klaus Mann und wenn man heutzutage durch die Buchläden schlendert, an den Regalreihen unter M entlangläuft, kommt einem der traurige Verdacht, dass es nicht nur für Klaus selbst, sondern auch für sein Werk zu spät war. Meist über mehr als zwei Regalreihen erstrecken sich die Bücher von Thomas Mann, wohingegen vor ihm höchstens 5 Bücher von Klaus Mann stehen (und meist handelt es sich bei drei von den fünf Büchern um Klaus Manns berühmtesten Roman Mephisto).
Mit diesem Mangel an Interesse musste Klaus Mann immer schon kämpfen, immer wurde er als der Sohn Thomas Manns und nicht etwa als eigenständiger Schriftsteller angesehen. Seine Bücher fanden im Exil nicht die große Leserschaft, die er sich erhofft hatte, weder im nationalsozialistischen Deutschland, noch im stalinistischen Russland, weil sich Klaus Mann zu keiner der beiden Seiten bekannte, dem immer etwas skeptisch gegenüberstand.
Es ist wahrlich eine immens große Ungerechtigkeit, dass so ein begabter Schriftsteller, der schon sehr früh, beinahe hellseherisch, erkannte in welch große Gefahr, in welch großes Unglück Deutschland hineintreiben wird, dass so ein feinsinniger Mensch einfach so vergessen wird. Es ist wirklich eine Fortsetzung der Barbarei, wenn Menschen, wie der Schriftsteller Gottfried Benn 1951 den Georg-Büchner Preis erhalten, eben jener Gottfried Benn, an dem sich Klaus Mann brieflich wandte, weil er es nicht verstehen konnte, wie ein von ihm hoch geschätzter Autor nicht ins Exil gehen, sondern im braunen Deutschland bleiben und mit den Nationalsozialisten sympathisieren konnte. Klaus Manns Warnung an Benn ist eindeutig :

„Aber Sie sollen wissen, dass sie für mich und einige andere zu den sehr Wenigen gehören, die wir keinesfalls an die ,andere Seite′ verlieren möchten. Wer sich aber in dieser Stunde zweideutig verhält, wird für heute und immer nicht mehr zu uns gehören.“
(K.M., 1933)


Leider kam Benn den Bitten seines ehemaligen Bewunderers nicht nach, sondern spricht den Schriftstellern im Exil die Berechtigung ab über die Vorgänge in Deutschland mit reden zu können, da sie ja ins Ausland geflohen seien und somit die nationalen Bewegungen gar nicht richtig beurteilen könnten. Außerdem bekennt sich Benn voll und ganz zum Nazideutschland:

„Ich erkläre mich ganz persönlich für den neuen Staat, weil es mein Volk ist, das sich hier seinen Weg bahnt.“ (G.B., 1933)

Das sich das deutsche Volk damals seinen Weg bahnte, dem ist so auch nichts entgegenzusetzen. Ja, das deutsche Volk bahnte sich einen Weg, einen Weg jedoch, an dessen Ende nichts wartete. Nichts außer Zerstörung, Leid und Tod.
Es ist eine besondere Art von Zynismus, eine besondere Art von trauriger Ironie des Schicksals, wenn nach dem Krieg nicht Klaus Mann mit seinem entlarvenden Roman Mephisto im Rampenlicht steht und gefeiert wird, sondern Gustav Gründgens. Eben jener Gustav Gründgens, der, um seiner Karriere und seines Erfolges Willen mit den Nazis weiter zusammenarbeitete. Jener Gustav Gründgens, den Klaus Mann unter dem Pseudonym Hendrik Höfgen zur Hauptfigur seines Romans machte. Klaus Mann musste miterleben, wie sein Roman Mephisto nicht veröffentlicht wurde, weil er sich zu kritisch gegenüber Gründgens äußerte, welcher bereits kurz nach dem Krieg wieder Bühnenerfolge feiern konnte. Klaus Mann erfuhr dies am eigenen Leibe, saß er doch bei einer von der Menge umjubelten Premiere Gründgens im Publikum.

Dieses deprimierende Ereignis, seine misslungenen Versuche als Schriftsteller Anerkennung zu finden und viele andere persönliche Probleme, wie seine Drogensucht und das Gefühl nie wirklich irgendwo angekommen zu sein, sondern immer haltlos in der Welt umherzuschweifen, führten letzlich zum Selbstmord Klaus Manns.
Durch den wahnsinnig guten Film Die Manns von Heinrich Breloer bin ich überhaupt erst auf diesen einmaligen Menschen und Schriftsteller gestoßen und seitdem hat er mich nicht mehr losgelassen.

Und wenn ich seine Essays, Romane, Aufsätze und kritische Stellungnahmen zum Nationalsozialismus, seine Appelle an die Menschlichkeit lese, die von solch einer klaren Ehrlichkeit, Richtigkeit und Notwendigkeit sind, dann werde ich ganz traurig, bei dem Gedanken, dass dieser Mensch nur 42 Jahre wurde, dann werde ich traurig und unsagbar wütend bei dem Gedanken, dass er, Klaus Mann, im Schatten stehen musste, während Benn, Gründgens und Co ihre unverdienten Erfolge im Licht feierten.