Samstag, 10. November 2012

Das Geld

Bevor man hierher kam hat man ja immer irgendwie gedacht das ist beschlossene Sache. Man weiß diese Dinge doch alle schon. Man kennt sie doch, die Umstände und Zustände. Da muss einem doch nichts mehr erzählt werden. Alles ganz eindeutig. Man hört es in den Nachrichten und liest es, sofern man die richtigen Zeitungen aboniert hat, auch im richtigen Tonfall. Irgendwie war man sich da sehr sicher, dass man das alles schon wusste. Interessant, wie sehr hier einmal mehr theoretisches, distanziertes Faktenwissen und reales, unmittelbares organisches Wissen auseinander gehen. Denn auch wenn es kein wirklich neues Wissen ist, so ist es doch ein anderes Wissen. Dies wirkt umso schwerer, ist es doch die Veränderung der Haltung und Wahrnehmung, die dieses Wissen zur Folge hat.
Die Studiengebühren in Großbritannien und somit auch hier in Wales liegen zwischen 4500 und 9000 Pfund im Jahr. Natürlich hat man das schon oft gehört. Jedoch ist es etwas weitaus anderes, sieht man dabei Menschen vor sich, die von Freunden berichten, die mit 30 so sehr verschuldet sind, dass sie diese noch mit 50 nicht abbezahlt haben werden. Lange studiert und versucht das Geld zusammen zu bekommen, an der Armutsgrenze gelebt, dann das Studium abgeschlossen und schlussendlich - ein Baden in Schulden bis zur Rente. Das nenne ich einmal Dankbarkeit. Das ist wirklich wunderbar. Besonders spannend ist die Situation bei Juristen: Klar, natürlich wusste man es schon immer, dass das Abstraktum Geld die Gesellschaft spaltet. Aber es ist etwas anderes zu hören, wie viel Geld Jurastudenten hingeben müssen, um sich ihre lange Laufbahn als Richter finanzieren zu können. Dies ist beinahe so viel, dass in den meisten Fällen nur die Kinder sehr reicher Eltern Juristen werden. Die Reichen bleiben unter sich, wie bereits bekannt. Sie bleiben unter sich und urteilen im doppelten Wortsinn über die anderen. Dank solch einer Philosophie des Geldes wird diese ekelerregende Kette niemals durchbrochen, sondern durch die Wirtschaftskrise noch verstärkt. Denn: so war es doch schon immer: die Reichen werden reicher. Die Armen ärmer. Mir ist nach Brechen zumute, aber auch dies ändert nichts. Auch dieser Text ändert nichts. Verzweifelte Ohnmacht die den Kopf kalt umfasst. Wie Trockeneis. Die Einen schweben in höchsten Höhen und Sphären weit weg vom Alltag der Anderen irgendwo 'da unten'. Die Reichen haben wahrlich keine Ahnung von gar nichts. Und regieren. Und sitzen auf ihren Podesten dort oben und schauen herab. Der Unterschied zwischen Working Class und Upper Class - hier ist er weitaus intensiver, hier schneidet er dir ins Fleisch, rostig, kalt und entzündend. Wunden. Willkommen in der Welt. Willkommen im Alltag. Willkommen im Kapitalismus.

Montag, 29. Oktober 2012

Aberystwyth Photo Marathon 2012

Sechs Stunden. Für sechs Bilder. Zu sechs Themen.
1. Kreise
2. Straße
3. Hinein sehen
4. Grün
5. Einzigartig
6. Schatten
Gewonnen habe ich nicht, aber das ist nicht weiter schlimm. Sehr schön war es bei ausnahmsweise einmal strahlendem Sonnenschein am Samstag durch Aberystwyth mit der Kamera zu ziehen und nach guten Bildern Ausschau zu halten. Das Schöne nun: alle Bilder sind im Morlan Centre ausgestellt, darunter also auch meine. Als Dankeschön bekam jeder Teilnehmer seine Fotos als Kalenderblätter. Mitgemacht haben an die 60 Leute, die Reden wurden hier natürlich in Englisch und Walisisch gehalten. Diese Sprache mit ihren harten "ch"- Lauten erinnert mich immer ein wenig ans Niederländische und an das ferne Hebräisch. Eine recht seltsame und schöne Mischung, somehow. Interessant hier generell das Spracherlebnis: wie man nicht umhin kann das Deutsche mit dem Englischen zu vermischen und wie einem manchmal mehr und mehr die deutschen aber auch englischen Begriffe nicht mehr einfallen. Ständiges Umspringen des Gehirns, besonders wenn man mit Menschen Englisch redet, die doch eigentlich auch aus Deutschland kommen. It's really weird but wonderful in a way.
(Die sechs Bilder in chronologischer Reihenfolge der Themen nun hier):

circles
street
looking in
green
unique
shadow

Montag, 15. Oktober 2012

blau - weiß - grau

Himmel. Wolken. Veränderung. Drängen. Herausziehen. Hineingezogen werden. Wegfliegen. Doch bleiben. Hinaufblicken. Himmel. Wolken. Wollen. Immer Wollen. Das Grün gegen das Blau. Das Grün gegen das Weiß. Das Weiß und das Blau. Der Kampf. Die Wellen gegen das Blau. Das graue Meer gegen das Weiß. Das graue Meer gegen das Blau. Das Meer mit dem Blau. Das Blau und das goldene Licht. Immer das goldene Licht. Veränderung. Umsturz. In Bruchteilen von Zeit. Keine Zeit. Der Himmel wächst weiter. Und weiter. So auch du. Immer weiter. Hin zum Blau. Zum Grau. Zum Schwarz. Hinein ins Weiß. Die weiße Weite. Gesprenkelt mit Blau. Die Dringlichkeit des Firmaments. Man darf hier nicht von Regen schreiben. Vielmehr schreibt sich dieser in die Haut. Aus den Wolken hinaus. Der Regen als Konstante. Mit den Blaupausen dazwischen -

so hell,
stets lichtern.

Sonntag, 7. Oktober 2012

Irgendwo anders

 
Irgendwo anders verpasst man immer irgendetwas.
Aber das sagen die anderen dort auch. Von daher. Hinterher. Allem hinterher. Nicht gleichzeitig sein an zwei Orten, sondern versuchen an einem so ganz.
Die Gewichte einfach zurück in den Schrank stellen. Den Schlüssel rumdrehen, aber nicht wegschmeißen. Jedoch hinaus aus den Augen.
Herz. Hinein ins Herz. Wie heraus? Und dann: wohin in der Stille? Die Kälte – an sie gedacht, so wirklich?
Ausländer? Lasker-Schüler? Gar Celan?
Das gemeinsame Schweigen über Celan. Es fehlt. Es fehlt viel. Und Neues kommt hinzu. Füllt nicht aus. Aber an. Von daher. Hinterher. Allem hinterher. Das Verbinden toter Punkte zu Sternenbildern. Wo sind diese Sorte Menschen? Jene, die man (finally!) küssen könnte und dann bluten die Lippen und dann sind die Sterne nicht mehr im Himmel.
Sondern irgendwo anders.
Im Innen von Beiden.

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Erwartungen

Gerade ist der Zweifel am gesamten Konzept „Theater“ sehr groß. Es fällt einem nicht ein, wie man dies ändern könnte. Man fragt sich sogar, ob man es überhaupt als nötig erachtet es ändern zu müssen. Jedoch funktioniert der Satz von Dirk von Lowtzow Im Zweifel für den Zweifel in beiderlei Richtungen…
Immer nun morgens um acht eine Stunde praktisches Theatertraining. Für so etwas die schlechteste Uhrzeit. Kein Schlaf. Nicht wach. Heute wurde bereits nicht hingegangen und ausgeschlafen. Keine Lust. Aber durch andere Aktionen sich selbst motivieren. Dies: eine Dringlichkeit. Also das Schreiben und das Lesen. (Vielleicht sind einige wissenschaftliche englische Texte ja dann doch auch spannend, immer wieder Selbstüberwindung). Aber Adorno auf Englisch, das muss nicht sein. Vielleicht kann man das ja irgendwie umgehen. Angst auf vielen Ebenen. Zum Beispiel vor den Prüfungen. Einen schriftlichen Essay über eine Inszenierung, untermauert mit Theorien und Thesen des hier doch noch anders freien Theaterbegriffs. Nicht ganz klar, um was es diesem Institut hier geht. Selbstverwirklichung, werde der du bist. Irgendwie scheint das aus vielen Worten zu krächzen. Ich weiß nicht. Das trieft zu viel und trifft zu wenig. Neben dem Essay soll eine 20 minütige mündliche Performance / Vortrag gehalten werden. Sehr frei - so frei, dass die Angst durch die Lücken der losen roten Fäden hindurchschlüpft. Guten Abend, liebe Angst. Immerhin bist du stets ein weitaus richtigerer Gast gewesen, als die Taubheit, die einen in diesen Zeiten und nicht nur hier sondern schon viel länger zunehmend besucht.
Was willst du?
Du wirst nicht gebraucht.
Verpiss dich.
Endlich.

Montag, 24. September 2012

Immer noch Sturm


Die Bibliothek, leider eher Ostblock-Style und um Laengen weniger schoen als die in Leipzig, hat immerhin: einen Ausblick zum Meer. Auf diesem hohen, steilen Huegel, den man jeden Tag nun bald hinauflaufen wird, einfach weil hier der Campus ist, die Mensa, die Bibliothek. Der Ort, an dem man sich dann wohl doch am meisten aufhalten wird. Einfach mal die Klappe halten. Und lesen. Wenn man wollte kann man sich hier durch den gesamten Brecht lesen. Er ist vorhanden in dem kleinen aber feinen Regal fuer Deutsche Literatur. Heiner Mueller wurde leider (noch) nicht gesichtet. Aber: Dramen von Peter Weiss und Montauk von Max Frisch, auch jeweils in Deutsch, wurden gleich mal ausgeliehen.
Zunaechst jedoch: Sternstunden der Menschheit von Stefan Zweig in der Bibliothek mit Meeresblick auslesen.
Heute kam der Sturm in Seele und Herz, die Haarspitzen vermissten die Sonne, die Augen ebenso. Kein Licht um einen, dafuer flackernd Sturm und Getoes. Interessanterweise sind da viele Gruentoene um einen, da sind diese Pinien. Pinien und Meer, das gehoert wohl zusammen, die haben wohl stets eine Zukunft, streiten sich nie ueber Entscheidungen, sind nicht nervoes zueinander und machen sich auch keine Vorwuerfe.
Meer und Pinien und . . . immer noch Sturm.
Immer wieder sieht man wen Bekanntes und irgendwie ist das auch niedlich. Das Fremde ist vertraut. Zuweilen die Strassen: wie lebende Bilderbuecher, es zieht durch die Fenster, aber alles ist so bunt und unwirklich.
Neuanfaenge, aufgeladen mit Kaelte.

Samstag, 22. September 2012

Jenseits des Punk

Vielleicht muss man dann manchmal doch abwarten. Aber leicht ist es nicht und am liebsten: einfach die Sachen packen und wieder hin zur Großstadt. Neue Gesichter sind wunderbar aber meist doch eher anstrengend. Zumindest gerade. In diesem Kaff begegnen einem die gleiche Person ein ums andere mal. Beengend. Aber, ob man dann vielleicht doch abwarten muss? Auf neue Begegnungen? Aber gerade fehlt die Lust und die Sehnsucht nach Tiefe und Weitsicht ist unermesslich. Intensität der Langeweile, bereits jetzt. Von wegen Joy Division. Von wegen The Clash und Punk. Nicht mehr als positive Vorurteile Intellektueller und Künstler. Vielleicht in London, ja. Aber nicht hier. Dies zermürbt und lässt einen schlecht fühlen. Sehr. Natürlich, noch hat die Uni hier nicht begonnen, aber ob dies Veränderung bringt bleibt als Fragezeichen im Raum. Vermisst werden Menschen, die einem vertraut sind, Weiten und Größen, die man hier vergeblich sucht. Die Niedlichkeit der Straßen und Häuser kann leicht alles mit kaltem Zuckerguss überziehen. Die Kälte der Langeweile. Jeder sieht jeden und nichts ist Geheimnis – alles andere als Wärme kommt so auf. Dann aber auch wieder: Das gleiche Schicksal teilen mit den anderen, jedoch wirkt es so, als sei man voll mit Anspruch, der nirgends ankommt und vor allem: der nirgends gebraucht wird. Was tun? Zurück zu den vertrauten Menschen mit ihren wundervollen Blicken und Zärtlichkeiten? Nein. Es gibt sicher noch Neues zu entdecken. Ganz bestimmt.

Freitag, 21. September 2012

Der Zwang der Konfrontation

Der erste wahre Tag in Wales. Viel Frust hinter mir, aber auch viel Erreichtes und Geschafftes. Essen gekauft und besonders die Enge und das mehr als Ungemütliche des eigenen Zimmers in Kauf genommen. Immerhin: Kurt Weill und Bertolt Brecht, Dreigroschenoper, Die Seeräuberjenny, nun aus aus den Lautsprechern des Laptops. Das macht vieles wieder wett. Den ekligen Siff des Zimmers. Den viel zu kleinen, dreckigen und kaputten Drehstuhl. Den Schreibtisch, der nicht wirklich einer ist, sondern eine schwarze, kalte hässliche Marmorplatte. Den braunen Teppichboden, der sich wie ein fieses Ungeheuer durch das ganze Appartment zieht und mit seinem Grad an Schmutz seinesgleichen sucht. Und anders als mit Schuhen an den Füßen traut man sich nur sehr selten ihn zu betreten. Weiter geht es - mit Patti Smith und auch mit mir. Ein kleiner, leiser Automatismus scheint mit solchen Auslandsaufenthalten einherzugehen: die Synapsen des eigenen Gehirns ordnen ihre kleinen Galaxien neu an. Stellen ihre Weichen um zu anderen Wegen. Einfach geschieht dies, und dennoch spürbar. Man ist wirklich hier und verdammt man merkt mehr und mehr: man ist hier – und kann nun erst einmal nicht mehr zum Dort.
Der Zwang der Konfrontation.
Es ist nicht eigentlich Schmerz, aber dessen kleine neugierige Verwandte. Eine Angst, die einen nach vorne blicken lässt. (Lassen muss). Die Alternative würde einen ersticken.
Erste Begegnungen und ja: schon das erste Bier ausgegeben bekommen. More by accident.
Wie sich Unterhaltungen zu Beginn als sehr dröge und langweilig und im Verlauf dann als interessant und anders herausstellen – ein Wunder, altbekannt und dennoch so jungfräulich, da die Stimmen, denen man zuhört und die Ohren zu denen man spricht gänzlich Unbekannte sind. Stetes Englisch, wunderbar. Kaum Mühe. Irgendwie.
Heute gemerkt: manche Menschen aus Finnland haben einen netten Akzent, wenn sie Englisch sprechen.

Samstag, 15. September 2012

Einfach mal loslaufen

Vielleicht einfach mal: loslaufen.
Die Straßen hinab, die Sterne im Nacken. Die Füße auf dem Asphalt. Die Dunkelheit der Städte ist Geborgenheit. Ein letztes Wochenende. Bitte nicht verschenken. Sich selbst verschwenden. Angefüllt mit Unheimlichkeiten. Für die anderen in der sternenklaren Nacht. Wache halten, ohne recht zu wissen für wen. Oder was. Vielleicht: einfach mal aufstehen. Vom Sessel. Hinaus aus den Büchern, hinein in . . .
Tränen in Pfützen und Lachen vom Regen. Und lachen müssen im Regen. Sich regen und gehen. Hinein in die Straßen, die Treppen hinauf und hinab. An bekannte Orte und fremde Gesichter durchleuchten mit Nichtachtung.
Und nicht immer so blind sein, so blind und taub gegenüber den Bedürfnissen und der Lebendigkeit anderer. Liebe ist groß, ihr seht es nur nie. Heute wieder so einen gesehen. Nur zweidimensional, aber trotzdem sehr da. Es ist nicht damit getan nur sich selbst zu genügen. Man muss bereit sein sein Wissen, seine Trauer und seine Fröhlichkeit an andere zu verschwenden. Denn es zählt doch letztlich: das Echo. Die Reflektion. Der Kontakt. Und nicht man selbst. In diesem selbstgefälligen, eitlen Käfig. Und ja: du darfst Fehler machen. Und ja: auch deine Freunde dürfen Fehler machen. Und nein: schäme dich niemals nie für sie in deiner Arroganz. Dies alles will gesagt werden, aber - mit Filmfiguren zu sprechen ist reichlich müßig.
Deshalb stattdessen:
Vielleicht einfach mal: loslaufen.
Die Straßen hinab, die Sterne auf der Stirn klebend.
Die Füße über dem Boden schwebend, in Schnelligkeit.

Freitag, 7. September 2012

11 Tage

11 kleine, feine Tage - genug, um sehr viel nachzudenken. Genug um mehrmals noch durch all die Leipziger Straßen zu radeln. Genug um die Buchhandlungen zu fotografieren und die noch ausstehenden Sachen zu regeln. Aber die Tage, sie zerrieseln mir in den Handflächen wie Wüstensand. Ist die Bettdecke über meinen Kopf gezogen und sind die Kerzen ausgepustet, die Doku auf Arte zuende gesehen oder das Buch (gerade Houellebecq, was unpassender nicht sein könnte und dadurch seltsam entrückt stimmig ist) um einige Kapitel weiter gelesen, beginnt mit dem Rattern der Straßenbahnen am folgenden Morgen der neue Tag - und damit auch die konstante Verminderung der verbleibenden Zeit hier in Leipzig.
Hier in Deutschland.
11 Tage voller Wunderlichkeiten, so erhoffe ich es mir. Seltsame Intensitäten verspürend. Oftmals feuchte Augen. Aber auch Rat- und Rastlosigkeit, da alles so gut wie erledigt ist für die große Reise und nun die Treffen zu führen sind mit Freunden. Die letzten wichtigen Treffen mit Freunden, bei denen hoffentlich viel getrunken und gelacht, geschwiegen und mitgefühlt wird. Angst vor der Melancholie des Abschieds. Nicht stehenbleiben. Weitermachen. Zu viel Stagnation noch immer. Zu wenig wach. Gleich aufs Rad, durch die Stadt. Abends dann: Freunde treffen. Tanzen. Trinken. Reden. Füreinander da sein.
Immer da sein.
Auch wenn man weg ist.

Samstag, 21. Juli 2012

Es wird erwartet

Dieses Jahr wird es genauso sein wie Letztes.
Und das davor. Und das davor. Und ...
Das nennt sich Beruhigung. Denn irgendwie ist da ja zumindest diese eine Konstante. Aber nicht unbedingt die Gewünschte, sondern eben eine von diesen, die erduldet werden müssen. Und nicht vollen Herzens geliebt werden. Aber Einbildung ist mitunter eine starke Kraft, die sie mitzieht, hinfort von ihren ihr eigentlich doch stets immanenten Zweifeln und Reflexionen. Über diese wieder kehrenden Feste der Familie. Die ihnen anhaftenden Erwartungen, Regeln, Strukturen. Ein Schnittmuster an Konventionen. Die Schere darf diese Linie nicht verlassen, sonst werden womöglich wichtige Glieder weggeschnitten und zerstört. Es geht um den Zusammenhalt. Jedes Jahr aufs Neue. Und doch niemals wirklich neu. Sie weiß das. Es bleibt aber zu fragen, ob sie dieses Wissen auch stört. Muster sind harte, starke Gerüste, an denen man sich allzu gern festhält. Ein Schreiten ohne Geländer ist den Mutigen vorbehalten. Sie ist treu und kommt jedes Jahr aufs Neue zu Besuch. Jedoch umfasst ihre Hand stets das Geländer. Nur in seltenen Momenten, in gedachten Situationen, getraut sie sich die Hand kurz zu lösen, nur um sie gleich darauf wieder fester um die Stange zu schließen. Hat sie zuviel gewagt? In ihrem jungen Kopf mag dies stimmen, aber wahr ist es nicht.
Einzig gewagt wurde die Feigheit.
Aber Einbildung, das ist mitunter eine intensive Kraft, die sie mitzieht, hinfort von ihren zarten Rebellionen gegen die Familie. Und ihren Traditionen. Ihren Ausschlusskriterien. Kriterien, die zahlreich sind. Und kaum wegzudenken. Ausgeschlossen wird das, was unbegreiflich ist. Ausgeschlossen wird das, was Angst macht. Es könnte die bekannten Muster zerreißen. Und den hübsch gedeckten großen Geburtstagstisch mit hässlichen Rissen und Schlieren überziehen. Schandflecke, direkt neben der schönen Schwarzwälderkirsch-Torte. Es geht doch schließlich: um den Zusammenhalt. Fragt sie sich, ob die Betonung hierbei eher auf halt als auf zusammen liegt? Diese Frage ist nur in jenen raren Momenten des freihändigen Gehens gestattet. Jedoch: im Verlauf der Menugänge dieses großen gemeinsamen Geburtstagsessens lösen sich diese Augenblicke mehr und mehr auf - bis sie letztlich ganz verschwinden.
(Vielleicht gab es sie auch nie wirklich?)
Dieses Jahr wurde es genauso wie Letztes.
Und das davor. Und das davor. Und...

Sonntag, 24. Juni 2012

100 %

Ich habe kein literarisches Interesse, sondern bestehe aus Literatur,
ich bin nichts andreres und kann nichts anderes sein.

(Briefe an Felice - Franz Kafka)