Donnerstag, 10. September 2009

Jedem das Seine

Inglorious Basterds ist erschreckend.
Es ist einer der ungewöhnlichsten und auf seltsam-tröstliche Art einer der absolutesten Spielfilme gegen den Greul und die Perfidität des Nationalsozialismus. Und das von Tarantino. Das ist mehr als erstaunlich. Der Film ist nicht eigentlich witzig - zeigt er doch den Humor der Nazis. Und dieser Humor ist eiskalt. Dieser Humor ist unbarmherzig. Ohne Mitgefühl. Ohne Güte.
Der perfekt durchkomponierte Prolog ist in all seiner konsequenten Härte und Unmittelbarkeit kaum zu ertragen. Es sind die kleinen Nuancen, die kleinen Bewegungen und Blicke, die einen zerbrechen, die einen verwirren. Die unerträglich sind.
Dieser Film ist ein Märchen. Eine tröstliche Wunschvorstellung, die so niemals hätte stattfinden können. Die es so leider nie geben konnte. Die es so nie gegeben hat.
Ein Film, der dem Drang, dem verzweifelten Wunsch, der verzweifelten Herbeisehnung eines perfekten Happy Ends nachgibt.
Dann ist da dieser eine magische Ort. An dem die Fäden zusammen laufen. An dem das schier Unmögliche geschiet.
Das Kino.
Das Lichtspieltheater.
Ort der Wünsche. Ort fremder Welten und inszenierter Realitäten. Träume - gebannt auf Zelluloid. Diesen Ort nutzen für dieses famose, absolute, grandiose Happy End. Für das wirklich endgültige Ende all der Grausamkeit. Allesamt. An diesem Ort. Eine wundervolle Vorstellung. Die Kunst - zuvor selbst von den Nazis verboten, zensiert und schlussendlich vernichtet und zu Asche verbrannt - richtet sich gegen ihre Peiniger. Indem sie sich nicht zerstören lässt, sondern sich freiwillig selbst aufgibt, sich freiwillig selbst zerstört. Um zu befreien. Um zu erlösen.
All die Filmerinnerungen, all die Geschichten, all die Kunst aufgefangen und archiviert in diesen Filmrollen - sie gehen in Flammen auf, verwandeln sich in Rauch, auf welchen die letzte, entscheidene Botschaft projiziert wird.
Der Kinosaal als Richtplatz. Als Versammlungsort. Sie alle müssen (zu)sehen. Sie alle sind dort - schauen in den Rauch, spüren die Flammen, spüren dieHitze, riechen die chemischen Dämpfe. Ohne ihren Blick abwenden zu können. Ohne die Augen verschließen zu können. Nicht mehr.
Sie alle dort gehen unter. Sterben.
All dies Böse, all die Grausamkeit, all die Unbegreiflichkeit und Unfassbarkeit - mit einem Mal vernichtet. Inmitten eines dunklen Raumes, vor einer blendend weißen Leinwand, die langsam in Flammen aufgeht.
Dies ist es: das Happy End.
Dies ist er: der Trost.
Der Trost, der zugleich so unendlich schmerzt, der so schrecklich unzureichend ist, weil man weiß, dass Märchen bei all ihrer Güte und Wärme vor allem eines sind: erfunden.

Donnerstag, 3. September 2009

Erinnerung

„Wie der Archäologe eine Scherbe aus dem Staub birgt und durch sie ein Stück verschwundener Geschichte und Vergangenheit wieder ans Licht bringt, so verspricht die Erinnerung ebenfalls die durch die Zeit gerissenen Lücken innerhalb der eigenen Existenz zu schließen, die eigene ‚Geschichte’ wieder zusammenzufügen und erzählbar werden zu lassen. In dieser Hinsicht ist die Erinnerung […] immer die Rückversicherung und Basis unserer Identität; sie allein sagt uns, was wir waren und demnach ebenfalls zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur sein können, denn auch die Gegenwart ist immer nur rückblickend zu bewerten.“

(Sonja Klein: Denn alles, alles ist verlorne Zeit - Fragment und Erinnerung im Werk von Durs Grünbein, S.28-29)