Dienstag, 4. August 2015

Blow Up

Die Lücke, sie ist eigentlich viel zu groß und mehrmals schon sollte früher hier etwas Neues stehen. Es sollte Gemütszustände in Perfektion und Treffsicherheit widerspiegeln, aus Angst vor Abweichung wurde nichts geschrieben. Jetzt treibt einen das Wetter jedoch zu diesen Sätzen, denn wenn man so am geöffneten Fenster sitzt und nach einem Tag, der aus Wänden der Hitze bestand den kühleren und doch warmen Wind nun durch das auf die stille Straße geöffnete Fenster in sein Zimmer geweht bekommt, wenn man bereits im weiteren Shirt und mit zugebundenen Haaren auf dem Bette sitzt und nicht sicher ist wohin sich wenden mit seinen Gedanken, die um Begegnungen kreisen und sich, unterstützt vom silbrig lauernden, seltsamen Wetter, Wünschen und noch nicht, aber in Zukunft hoffentlich bald, stattfindenden Gesprächen widmen, wenn man mehr spürt als weiß, dass der Wind und das Rascheln der Bäume einen an jene Szenen am Ende des Filmes von Antonionis Blow Up erinnern, in der der Protagonist, der Fotograf im Hemd, diesen Mord beobachtet und doch nichts sieht, diese Handlung erblickt und doch nur hin und hergeworfen wird zwischen dem Zischen und Sausen des Windes auf der weiten, desaströsen, offenen Wiesenfläche des Parks mitten in der Stadt, die aufbegehrt und zugleich totenstill ist, wie ein Grab, wenn man sich wünscht diesen Film nun zu schauen, dies aber nicht alleine, sondern zu zweit, mit einem, mit jenem, der diesen Film auch sehr schätzt, aber wo ihn finden, denn zaubern kann man derzeit nicht und er scheint gerade nicht verfügbar zu sein, wenn dann dennoch dieses Wetter noch immer in das Zimmer drängt, diese dunkle Ahnung von kommendem Gewitter, die so unheimlich wie archaisch wie romantisch zugleich ist, dann muss man sich wenigsten einen Text verfassen, in der Hoffnung, dass dieser erhört und gelesen wird und mit dem Wunsch genau das eingefangen zu haben, was man in eben jenem Moment vor dem Fenster stehend spürt und was man so gerne mitteilen will - und es nicht kann.

Mittwoch, 18. März 2015

48 Stunden

Hinter Gebüschen in der Ferne fuhr ein Eisenbahnzug heraus, alle Kupees waren beleuchtet, die Glasfenster sicher herabgelassen. Einer von uns begann einen Gassenhauer zu singen, aber wir alle wollten singen. Wir sangen viel rascher, als der Zug fuhr, wir schaukelten die Arme, weil die Stimme nicht genügte, wir kamen mit unseren Stimmen in ein Gedränge, in dem uns wohl war. Wenn man seine Stimme unter andere mischt, ist man wie mit einem Angelhaken gefangen.
So sangen wir, den Wald im Rücken, den fernen Reisenden in die Ohren. Die Erwachsenen wachten noch im Dorfe, die Mütter richteten die Betten für die Nacht.Es war schon Zeit. Ich küßte den, der bei mir stand, reichte den drei Nächsten nur so die Hände, begann, den Weg zurückzulaufen, keiner rief mich. Bei der ersten Kreuzung, wo sie mich nicht mehr sehen konnten, bog ich ein und lief auf Feldwegen wieder in den Wald. Ich strebte zu der Stadt im Süden hin, von der es in unserem Dorfe hieß:
»Dort sind Leute! Denkt euch, die schlafen nicht!«
»Und warum denn nicht?«
»Weil sie nicht müde werden.«
»Und warum denn nicht?«
»Weil sie Narren sind.«
»Werden denn Narren nicht müde?«
»Wie könnten Narren müde werden!«

(Kinder auf der Landstraße - Franz Kafka, S.9)

Montag, 9. März 2015

Exil

„Der Aufbruch meiner Eltern gehörte zum großen Wandern, über die Meere hin richteten sich die Blicke, andern Kontinenten entgegen, Häfen wie Marseille, Genua, Rotterdam, Lissabon, Odessa, Istanbul waren Orte eines Orakels, einer magischen Hoffnung, zu Tempeln waren Konsulate und Gesandtschaften geworden, die Türschwellen feucht von Küssen und Tränen. Es war das Natürliche, das Normale, dieses Flehn um Zulassungsscheine, Sichtvermerke, um einen Platz in den Quoten, ein Visum bedeutete Absolution, und dies kam nur jenen zu, die das Geld besaßen, sich Erbarmen zu kaufen. Es schwollen die Massen derer an, die nicht mehr zu bieten hatten als ihre Verzweiflung, und Verzweiflung war das Wertloseste von allem Überflüssigen, und bald fanden sich zwischen den Enteigneten auch die, die gestern noch wohlhabend waren, und es gab nur noch den Sturz in das Umherirren, ohne Ausweg und Bleibe.“
 
(Die Ästhetik des Widerstands - Peter Weiss, S.865)

Sonntag, 8. März 2015