Mittwoch, 8. Dezember 2010

Samstag, 20. November 2010

Das Weiter lassen

Leben: wieder lebendig. Endlich nicht mehr: Langeweile wird hysterisch.(nach Dirk von Lowtzow) Lebendigkeit durch Zweifel und Ver(w)irrungen. Ob dies vertretbar ist mit dem eigenen Gewissen? Man weiß es nicht, man ahnt es ist nicht alles rein und weiß und glatt und schön. Aber Hässlichkeiten bieten Zusammenkünfte. Auch wenn es nur die eigenen Stufen des Ichs betrifft, ohne wahre, äußere Interaktion.
Interagieren. Im Rahmen bleiben wollen. Anständig bleiben wollen. Und doch nicht wissen, was das so wirklich bedeutet. Und doch nicht wirklich im Anstand leben können. Handlungen vollziehen, die Zweifel an der eigenen Integrität nähren. Aber auch dies: Trauer und Schmerz des Lebens. Das Opfer was da zu zahlen wäre. Das Opfer für die Erhaltung von Lebendigkeit.

Neue Wege gehen, in alte Fußstapfen des vergangenen Ichs tretend. Sich selber neu erfinden und doch nicht zerlegen. Verlegen sein und nicht zerbrechen. Bluten. Die Folter spüren. Die Reglosigkeit aushalten. Anstand und Würde dennoch irgendwie wahren. (Nicht immer, aber meist).
Blut, Blendung, Beifall. (Dies nicht allein im übertragenden Sinne, sondern real, auf der Bühne und somit doch so irreal und künstlich)
Künstlich - der Kunst einmal mehr hold sein. Wenn schon sonst alles so seltsam nebelig, melancholisch, kompliziert und manchmal ungewollt gemein ist.
Uferlos in Kunst zertrinken.
Neue Möglichkeiten ertesten, sich selbst verletzen, Erhabenheit einstudierend. Sich selbst in Frage stellen und zerkratzen. Drauf scheißen. Weiter machen. Sich gut fühlen, trotz...
Würde. Liebe. Folter. Trauer. Wunden.
Das Gefühl des Weiterstrebens, das Gefühl von Intensität.
Nicht wissen, ob all dies richtig ist, was man so tut. Aber nichts auslassen. Nichts unterlassen.
Weiter hassen. Weiter verlassen.
Besonders aber:

Das Weiter lassen.

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Warum Israel im Cineding Leipzig

Darauf sei ausdrücklich verwiesen:
Für all die Glücklichen, die in Leipzig (oder in der Nähe) leben:

Am 16. Novemeber um 16:30 zeigt das Kino
Cineding Leipzig (Anfahrt hier) den Film Warum Israel von Claude Lanzmann.

Ein sehr wichtiger, einzigartiger, wundervoller Film über den Staat Israel. Eine Dokumentation, die Fragen aufwirft und eben dadurch Genialität beweist, dass sie dem Zuschauer keine Antworten liefert. Der Film bietet keine Lösung, sondern zeigt die Vielschichtigkeit, Problematik und Schönheit dieses Landes und dessen Politik, Wirtschaft, Religion(en) und Alltag.
Also: geht ins Kino!

Montag, 23. August 2010

Peter Pan ist gestorben


Eigentlich, so muss man sich selbst eingestehen, hat man doch ein wenig an eine leise Unsterblichkeit geglaubt. Denn da gibt es manche Menschen, von denen dachte man insgeheim immer irgendwie, dass sie nicht einfach so verschwinden können.
Dass sie nicht sterben können.
Man hat nicht gedacht, dass es möglich ist. Und noch immer kann man es nicht wirklich glauben. Es darf nicht.
Aber nun weiß man: das Unmögliche ist doch möglich:

Peter Pan kann sterben.

Sein trauriger Tod - ein Verlust und eine Leere, die immer bleiben wird, die nie schwinden wird. Es gibt nur einen Peter Pan.

Christoph, ich werde dich immer vermissen.
Wir alle werden dich noch sehr lange vermissen.

Auf ewig.

Christoph Schlingensief starb am Samstag den 21. August 2010 im Alter von nur 49 Jahren.

Donnerstag, 17. Juni 2010

Bitterkeit und Verlust (inmitten von Eis)

Familie. Der Halt, den sie geben soll. Und auch meistens gibt. Diese Ambivalenz, mit der sie einen aber auch konfrontiert. Sich loslösen von der Familie, der eigenen, das ist nicht leicht. Sie ist immer bei einem, ob man will oder nicht. In der Familie hat man seine Wurzeln, irgendwie. Wurzeln leugnen – manchmal ist dies notwendig, um sich selbst neu zu erschaffen. Alles ist vereist – die Welt in diesem Film, die Bäume und Straßen. Umschlossen von Erstarrtem. Familiengefüge – auch sie sind erstarrt. Bilden Konventionen und Räume, die sich durch unsichtbare Regeln und Rituale definieren. Wie kalte, blaue Bänder durchziehen Nicht-Gesagtes, Unausgesprochenes und Selbstverständlichkeiten gemeinsames Zusammenleben. Zusammenleben als Nebeneinanderherleben. Beziehungen – festgefahren, erstarrt, tot. Draußen ist es Herbst - und so auch in den Köpfen der Erwachsenen. In ihrer Welt. Aber dennoch: ihre Welt erscheint nicht sonderlich anders, als die der Kinder in diesem Film, im Eissturm von Ang Lee. Abziehbilder, Schablonen, sonst nichts.
Abbild kindlicher Neugierde und Melancholie, nur umschlossen von mehr Eis, mehr Kälte und mehr Stagnation. Wiederholung von Mustern. Küsse und Umarmungen, Angst vor Nähe und vor zudringlicher Körperlichkeit. Jedoch: trotz Jugend ist keine wirkliche Leichtigkeit, keine Schwerelosigkeit zu spüren. Jeder Annäherungsversuch: durchtränkt mit dunklen, moderigen Zweifeln. In den Kindern sieht man nichts anderes als die bereits gelebte tote Zukunft beider Elternpaare. Abgestorben in Zweisamkeit. Sich zusammen einrichten in Unzufriedenheit, Spießigkeit und Einsamkeit. Draußen gefriert die Welt – die Moleküle pappen zusammen.
Sie kleben aufeinander. Ebenso, wie die Menschen.
Eis ist glatt, Eis kann einen erkalten lassen. Eis zerbricht und zerfällt jedoch auch schnell unter den Fingern. Fließt fort. Genauso wie ein Menschenleben. So leicht ist es zu verlieren. Inmitten von Festgefahrenheit, inmitten von langehelicher Gewöhnung und tiefer Resignation geht dann plötzlich wer verloren. Er schmilzt einfach hinfort. Dieser Teil der Familie.
Er ist nun verschwunden, er ist nicht mehr da.
Was nun seinen Platz einnimmt, inmitten des Eises an diesem kalten, herbstlichen Morgen, inmitten dieser nun zerfaserten Familie:
das Vermissen, der Schmerz und

der Verlust.

Dienstag, 8. Juni 2010

Lieblingsstelle

"Und so treiben Brick und Flora in ihrem ehelichen Nichts dahin, dem kleinen Leben, in das sie ihn mit dem gesunden Menschenverstand einer Frau zurückgelockt hat, die nicht an andere Welten glaubt, die weiß, dass es nur diese eine Welt gibt und das alltägliche Einerlei, gelegentliche Streitigkeiten und Geldsorgen ein wesentlicher Teil davon sind, dass ein Leben in dieser Welt trotz aller Schmerzen und Langeweile und Enttäuschungen der einzige Zipfel vom Paradies ist, den wir jemals erhaschen werden. Nach den entsetzlichen Stunden, die er in Wellington verbracht hat, will auch Brick nur noch dies, das Chaos von New York, den nackten Körper seiner kleinen Floratina, seine Arbeit als der große Zavello und das ungeborene, Tag um Tag unsichtbar heranwachsende Kind, und dennoch weiß er tief in seinem Innern ganz genau, der Besuch in der anderen Welt hat ihn vergiftet, und früher oder später wird es mit alldem zu Ende gehen."

(Mann im Dunkel - Paul Auster, S.120-121)

Samstag, 5. Juni 2010

Weiße Utopie

Wunsch Papier zu werden. Papier, auf dem nichts geschrieben steht. Papier, in Stummheit getaucht. Weites Weiß, wohin man schaut. Papier, das Worte abstößt wie tödliche Krankheiten. Papier, der Worte überdrüssig. Papier, was nichts mehr aufnehmen kann. All die tiefen, schweren, verzweifelten Worte. Können nicht mehr aufgeschrieben werden. Das Papier ist dagegen. Es will nicht. Wunsch nach bleibender Reinheit, nach bleibendem Weiß. Nach bleibender Unbeschriebenheit.
Angst und Überforderung vor den vielen Sätzen und Gedanken, die auf und in es hineingeschrieben werden. Mit tiefer, schwarzer Tinte. Eng beschrieben, ohne Punkt und Komma, haltlos und anarchistisch. Erbarmungslos und unumkehrbar. Irreversibel. Das Papier aber, das Papier sehnt sich nach Stille. Nach Unbedarftheit. Nach Leere. Es kommt sich so voll vor, so schwarz, so dunkel. So voll von Linien und Symbolen. So voller Zeichenwälder, in denen es sich schon lange verirrt hat. In denen es sich nicht mehr zurecht findet.
Das Papier, es sehnt sich nach Licht.
Nach Klarheit und Unschuld.

Die Seele, vielleicht besteht sie aus ... Papier.

Ja.
Ich glaube das tut sie.

Montag, 19. April 2010

Stadtansichten

"Das bedeutsamste Wesen der Großstadt liegt in dieser funktionellen Größe jenseits ihrer physischen Grenzen: und diese Wirksamkeit wirkt wieder zurück und giebt ihrem Leben Gewicht, Erheblichkeit, Verantwortung. Wie ein Mensch nicht zu Ende ist mit den Grenzen seines Körpers oder des Bezirkes, den er mit seiner Thätigkeit unmittelbar erfüllt, sondern erst mit der Summe der Wirkungen, die sich von ihm aus zeitlich und räumlich erstecken: so besteht auch eine Stadt erst aus der Gesamtheit der über ihrer Unmittelbarkeit hinausreichenden Wirkungen. Dies erst ist ihr wirklicher Umfang, in dem sich ihr Sein ausspricht. "
(Die Großstädte und das Geistesleben - Georg Simmel, S. 127)

Samstag, 13. März 2010

Nur ein Wort:




Leidenschaft.
(Tocotronic live in Dortmund FZW, 12. März 2010)

Mittwoch, 10. Februar 2010

Stille(r)

Man kann alles erzählen, nur nicht sein wirkliches Leben; - diese Unmöglichkeit ist es, was uns verurteilt zu bleiben, wie unsere Gefährten uns sehen und spiegeln, sie, die vorgeben, mich zu kennen, sie, die sich als meine Freunde bezeichnen und nimmer gestatten, dass ich mich wandle, und jedes Wunder (was ich nicht erzählen kann, das Unaussprechliche, was ich nicht beweisen kann) zuschanden machen - nur um sagen zu können:
"Ich kenne dich!"

(Stiller - Max Frisch, S. 64)


[...]und vielleicht reden wir überhaupt nur von Dingen, die wir vermissen, nicht begreifen.

(Stiller - Max Frisch, S. 66)


"Es gibt allerlei Arten, einen Menschen zu morden oder wenigstens seine Seele, und das merkt keine Polizei der Welt. Dazu genügt ein Wort, eine Offenheit im rechten Augenblick. Dazu genügt ein Lächeln. Ich möchte den Menschen sehen, der nicht durch Lächeln umzubringen ist oder durch Schweigen. Alle diese Morde, versteht sich, vollziehen sich langsam. Haben Sie sich nie überlegt mein guter Knobel, warum die allermeisten Leute so viel Interesse haben an einem richtigen Mord, an einem sichtbaren und nachweisbaren Mord? Das ist doch ganz klar: weil wir für gewöhnlich unsere täglichen Morde nicht sehen. Da ist es doch eine Erleichterung, wenn es einmal knallt, wenn Blut rinnt oder wenn einer an richtigem Gift verendet, nicht bloß am Schweigen seiner Frau. Das ist ja das Großartige an früheren Zeitaltern, beispielsweise an der Renaissance, dass die menschlichen Charaktere sich noch in Handlung offenbarten; heutzutage ist alles verinnerlicht - und um so einen innerlichen Mord zu berichten, mein guter Knobel, dazu braucht man Zeit, viel Zeit."
"Wieviel?" fragt er.
"Stunden und Tage."

(Stiller - Max Frisch, S. 125-126)

Ich lese gerade Stiller. Von Max Frisch.

Freitag, 29. Januar 2010

Danke

Gestern, am 28. Januar 2010 ist der Schriftsteller J.D. Salinger gestorben.

Geschrieben hat er nicht viel - was Masse betrifft.
Geschrieben hat er jedoch viel - was Bedeutsamkeit betrifft.

Auch wenn ich seine Erzählungen gelesen und genossen habe, sind es besonders und vor allem die beiden Romane, die zu mir gehören. Die mich geformt haben.
Als erstes ist da The Catcher In The Rye zu nennen.
Dann natürlich Franny und Zooey.
Ich kann dieses seltsame, fragile und helle, zarte Gefühl der Zuneigung und Liebe die ich bei diesen beiden Büchern empfinde kaum fassbar machen. Es entrückt sich und flüchtet, sobald ich es festzuhalten suche.

(The Catcher In The Rye, S. 173)
Ich kann nur sagen: The Catcher In The Rye ist von solch einer erschreckend klaren Traurigkeit, von solch einer tiefen Weitsicht und Wahrheit, dass ich es fast nicht ertragen habe. Letztlich jedoch war es dann doch anders: Holden Caulfield hat mich getragen. Damals.
Und heute noch immer.

Anders als er hat mir Zooey geholfen. So wie er seiner kleinen Schwester Franny in der Geschichte hilft. Genauso. Denn manchmal, manchmal ja da bin ich wie sie. Da bin ich wie Franny. Und in den Momenten, wo ich so sehr Franny war, dass es mich beinahe zerrissen hat - in eben diesen Momenten habe ich diesen Roman gelesen. Habe meine eigene Geschichte aufgeschrieben gesehen. Habe diesen tröstlichen großen Bruder an meiner Seite gehabt. Diesen Bruder, den ich eigentlich gar nicht besitze.
Am Ende des Buches dann habe ich zusammen mit Franny an die Decke gestarrt und gelächelt.
Zwar mit Tränen in den Augen, aber ich habe gelächelt.

Danke J.D. Salinger.
Schade, dass du nicht noch mehr geschrieben hast.
Aber eigentlich ist das auch okay.
Denn:
Mit diesen beiden Romanen hast du alles gesagt.
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