Mittwoch, 31. Januar 2018

Den Faden verlieren

Your Name von Makoto Shinkai.


Das passiert nicht allzu häufig: dass man einen tiefsinnigen und guten Anime-Film im Kino sehen kann. Bedauerlicherweise läuft der wundervolle Film »Your Name« allerdings im CineStar Leipzig nur sehr selten. Das ist wirklich traurig, ist dieser Film doch einer der schönsten, die ich im Anime-Genre seit langem sehen konnte.
So recht weiß man auch gar nicht, wo man bei der Beschreibung der Atmosphäre und der Bilder anfangen soll, da der Film sowohl dramaturgisch als auch zeichnerisch und inhaltlich viele verschiedene Ebenen anspricht und komplex ist. Taki, der in Tokyo lebt, wacht eines Tages plötzlich im Körper von Mitsuha auf, die in einem kleinen Dorf in der Nähe wohnt. Das schöne an dem Film ist seine Erzählpositon: Der Zuschauer geht mit den Figuren auf eine Reise und weiß immer genauso viel wie sie, weswegen es auch zunächst für Verwirrung sorgt, dass sich Taki so anders verhält und sich am nächsten Tag nicht mehr an den vorherigen erinnern kann. In mehreren Träumen wechseln die beiden ihre Körper und informieren sich über ihre Errungenschaften und Erlebnisse durch Tagebuchnotizen in ihren Handys. Im Laufe des Filmes sind ihre Schritte und Gedanken, ihre Handlungen und Sehnsüchte seltsam miteinander verbunden, ja verwoben, ähnlich den dünnen Wollfäden, die Mitsuha mit ihrer Großmutter gemeinsam zu festen, bunten Bändern verknüpft. Überhaupt ist dies vielleicht eines der schönsten Metaphern des Filmes und jene, die konkret und im übertragenden Sinne als roter Faden der Geschichte und der Geschichten dient: das Haarband Mitsuhas, was gleichfalls als Armband Takis dient und sich sanft und unerbittlich als Verbindungslinie und Schnur durch die Ereignisse des Filmes zieht.

Ein Film, der die Schwelle und das Zwielicht, die Zwischenstufen und die Dämmerung, in der konkrete Linien verschwimmen und zerlaufen, in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt und dem Zuschauer mit seinen verschiedenen Zeit- und Bedeutungseben den scheinbar so festen Boden unter den Füßen wegzieht. Es kommt der Tag, da fällt beiden auf, dass es den jeweils anderen gibt, es kommt der Tag, da möchten sie den anderen besuchen. Sie machen sich auf die Suche, verpassen sich aber zunächst sowohl zeitlich als auch kartografisch. Taki bekommt heraus, dass Mitsuha bei einem Kometeneinschlag ums Leben kam und mit ihr das gesamte Dorf, in dem sie aufwuchs. Aber auch dies ist nur scheinbar, wie Kafka sagen würde, auch dies wird im Verstreichen der Filmminuten wieder aufgehoben oder vielleicht war es auch nur ein Traum oder eine ferne Erinnerung? Eine Verbindungslinie von Traum und Erinnerung, auch die zieht der Film behutsam, auch ist es ein Gleichnis der Gegensätze wie Stadt und Land, Männlichkeit und Weiblichkeit. Ein Film über Verlust und die Bedeutsamkeit von Liebe. Über Spiegelungen und Imitationen im anderen und die Möglichkeit von Wundern wie einem Verstehen des Gegenübers und ein Sich-begreifen anhand der unsichtbaren Anwesenheit des anderen. Die Präsenz der Liebe, auch wenn der andere nicht erreichbar scheint und doch für einen da ist und zum Teil von einem wird, ohne, dass man sich selbst dabei verliert. Mit dem Schwellenhaften und Flüchtigen ist er vor allem auch ein Film über das Vergehen von Zeit. Einmal beobachtet Mitsuha den Himmel, der bunt und zerbrechlich schimmert von den vielen Kometen, die mit ihren Schweifen alles in Farbe und Licht tauchen - und ahnt doch nicht, dass das Sterben nahbei ist und ihr rotes Haarband sich aus ihrem langen Haar leblos lösen wird. Am Ende begegnen sich beide dann doch, aber so ganz mag man dem Frieden nicht trauen, denn zu viel ist passiert im Dazwischen, Bänder sind zerrissen, neu verwoben und ineinander verstrickt worden.

Dienstag, 23. Januar 2018

Ausstellung TURN von Konglomerat

 Zusammen mit den Künsterlinnen und Künstlern Marina Wehrmann, Duane Bahia Benattii, Kerstin Köppen, Juana Anzellini, Bea Nielsen  und Barnabas Hermann stelle ich heute Bilder und Collagen von mir aus.



Die Ausstellung TURN veranstaltet das Kollektiv Konglomerat aus Leipzig. Zu sehen sind meine Arbeiten in der Eisenbahnstraße 113b. Heute um 19 Uhr ist die Vernissage. Geöffnet ist die Ausstellung vom 23. Januar bis 28. Januar, immer 16 bis 19 Uhr, außer Samstags.



Mittwoch, 10. Januar 2018

Lechaim



Für den Deutsch-Israelischen Jugendaustausch ConAct habe ich an dem Projekt »Wir vergessen nicht, wir gehen tanzen« teilgenommen. Ein Schreibwettbewerb, bei dem Geschichten über Erfahrungen mit Israel eingereicht werden konnten. Meine Geschichte ist auf Deutsch online zu lesen und bald wird es auch eine hebräische Version geben. Es steht noch aus, ob es zu einer Publikation in einem Verlag kommen wird. Mit etwas Glück werde ich meine Geschichte auch bei einer öffentlichen Lesung im Sommer vorlesen und an einem Workshop mit israelischen Schriftstellern in Israel teilnehmen. Die Geschichte ist hier zu lesen:

Lechaim

Dienstag, 11. Juli 2017

To be or not to be

Frantz von Francois Ozon


Die berührenste Szene ist in diesem so zarten wie zurückhaltenden Film eine sehr kurze. Der Film selbst ist in seiner Bildsprache buchstäblich den Gefühlen und Stimmungen seiner Figuren unterworfen. Eigentlich die meiste Zeit über in traurigem Schwarz-Weiß gehalten, hellt er sich immer dann auf, wenn sich auch die Blicke der Protagonisten heben oder sich eine leise Hoffnung in ihre Gesten und Entscheidungen schleicht. Der Film, die Gesichter und Gegenstände der Geschichte bekommen Farbe und treten behutsam in ein weicheres Licht. In besagter Szene spielt Adrian, der Franzose, der scheinbar mit dem ermordeten Frantz befreundet war, auf der Geige, die einst Frantz gehörte - und bricht kurz nachdem seine fragile, melancholische Gestalt an Zuversicht und Farbe gewonnen hat in sich zusammen. So schnell wie das Geigenspiel abbricht und sein Körper auf dem Boden zerschellt, so schnell und fast flüchtig entweicht auch die Farbe aus dem Filmbild - einem Aquarell gleich, dem man rückwärts gewandt das Wasser und somit alle Farbe und Lebendigkeit entzieht.

Überhaupt: Ein Film, der mit der schmerzlichen Präsenz der Vergangenheit spielt, stetig zwischen den verschiedenen Ebenen, Verwechslungen, Verstellungen und notwendigen, Leben rettenden Lügen oszilliert. Das Erschaffen und Ausmalen von Bildern und Erzählungen aus eigenen und erdachten Erinnerungen gegen die Trauer und das Schwarze und Weiße, das ist es, was diesen Film diktiert. Die Toten liegen nicht an den vorgegebenen Gräbern und Wendungen sind in diesem Film zahlreich und unendlich schwer zu ertragen. Zugleich strahlt aus bestimmten gesponnenen Erzählungen, man denke nur an die Eltern des verstorbenen Frantz, die unendlich dankbar den kleinen Geschichten um ihren Sohn lauschen, die ihnen Adrian erzählt, zutiefst notwendiger Halt und Fortbestand. Ohne die Imagination wäre die Farbe verloren.

Als eine wichtige Referenz ist der Louvre mit seinen vielen Gemälden gewählt und es ist ein Bild aus eben jenen Gängen, betrachtet von den zwei Männern - vielleicht - und der Hauptfigur, Anna, am Ende des Filmes, das sie verändert. Das Gemälde, in ferner Vergangenheit gemalt, strahlt mit seinen Farben auf Anna, nieder. Ihr Gesicht und ihr weiter Blick, sie sind das Schlussbild des Filmes.

Dienstag, 4. Juli 2017

Leinen, Wald und Licht

The Beguiled von Sofia Coppola


Auf manche neuen Filme freut man sich mehr als auf andere. Vielleicht, weil besondere Schauspielerinnen mitspielen, die man sehr mag und die man lange nicht mehr auf der großen Leinwand gesehen hat. Oder auch, weil die Regisseurin geschätzt wird. Auch kann von Bedeutung sein, dass jene Schauspieler oder diese Regisseure einen schon das halbe Leben lang begleiten und sie einem von daher sehr nahe sind und mit seltsam vielen persönlichen Erinnerungen verknüpft sind.

Auf den neuen Film von Sofia Coppola, den ich gerade im Kino sah, trifft all dies zu. Es spielen unter anderem Nicole Kidman und Kirsten Dunst mit, des Weiteren Colin Farrell und Elle Fanning. Ein sehr schönes und interessantes Casting also und glücklicherweise hält der Film, was er an Träumen und Erwartungen in meinem Kopf zuvor ausgelöst hat. Sofia Coppola ist besonders gut darin Stimmungen zu erzeugen und Frauen auf eine sehr zarte und behutsame Weise zu inszenieren. So auch in diesem Fall. In vielen Momenten hat mich dieser Film an Peter Weirs »Picknick at Hanging Rock« erinnert, der allerdings weitaus weniger offensichtlich ist und dem Zuschauer mehr Rätsel als Auflösungen schenkt. In beiden Filmen laufen Nuancen verschiedenster Weiß- und Beigetöne durchs Bild, in der Gestalt von langen Frauenkleidern in schlichten, aber anmutigen Farben, die sich mit ihrer Behutsamen Helligkeit von der dunkleren Natur abzeichnen. Auch hat das Außen und die Natur in beiden Filmen eine wichtige Wirkung – wenn auch in Weirs Film eine weitaus fatalere und autonomere. Dass ist es auch, was Peter Weirs Film dem von Coppola voraus hat: Seine unheimliche Ambiguität. Dennoch: der neue Film von Coppola transportiert in vielen kleinen Szenen Wunderbares. 

Ein Film der Blicke und kleinen Bewegungen, der es mit großer Unaufdringlichkeit schafft eine flirrende Atmosphäre des Begehrens zu erschaffen. Das Licht mit seiner zurückhaltenden Dominanz von nebelhaften Sonnenstrahlen und Kerzenschein tut sein übriges um diesen Eindruck zu verstärken. Schon lange empfand ich das Licht in einem Film nicht mehr so sinnlich, wie in diesem. Es erinnert mich an Barry Lyndon von Stanley Kubrick, der mit nichts Weiterem als eben jenem Kerzen- und Tageslicht ausgeleuchtet wurde. Besonders sind auch die vielen Standbilder und Aufnahmen von alten Bäumen, im Garten des herrschaftlichen Hauses und im nahegelegenen Wald. Vielleicht hätte ich mir den Film noch ein wenig länger gewünscht, mit einer noch etwas langsameren Entwicklung. Ganz entschieden habe ich mich noch nicht, ob ich genau sagen kann wer von den Parteien in diesem Film gewonnen hat und ob es diese klare Grenze zwischen den Frauen und dem einen Mann überhaupt zu ziehen gilt. Auch schwanke ich zwischen Verurteilung und Belustigung, denke ich an diese großartige Szene, in der sich alle Frauen beeilen dem neuen Mann im Haus beim ersten gemeinsamen Essen zu gefallen. Natürlich ist es schmerzhaft zu sehen, wie sie sich dabei verlieren, zugleich ist es aber auch auf eine sehr lustige und verständnisvolle Weise inszeniert, das man nicht anders kann als wissend zu schmunzeln.