Dienstag, 19. April 2011

Die Gefahr des Spießertums

Die Verwandlung des Familienvaters aus einem an dem öffentlichen Angelegenheiten interessierten, verantwortlichen Mitglied der Gesellschaft in den Spießer, der nur an seiner privaten Existenz hängt und öffentliche Tugend nicht kennt, ist eine moderne internationale Erscheinung. Die Nöte unserer Zeit - >>bedenkt den Hunger und die große Kälte in diesem Tale, das von Jammer schallt<< (Brecht) - können ihn jeden Tag zum Spielball des Wahnsinns und aller Grausamkeit machen. [...] Der Spießer [...] ist eine internationale Erscheinung, und wir täten gut daran, ihn nicht im blinden Vertrauen, dass nur der deutsche Spießer solch furchtbarer Taten fähig ist, allzusehr in Versuchung zu führen. Der Spießer ist der moderne Massenmensch, betrachtet nicht in seinen exaltierten Augenblicken in der Masse, sondern in sicheren oder vielmehr heute so unsicheren Schutz seiner vier Wände. Er hat die Zweiteilung von Privat und Öffentlich, von Beruf und Familie so weit getrieben, dass er noch nicht einmal in seiner eigenen identischen Person eine Verbindung zwischen beident entdecken kann. Wenn sein Beruf ihn zwingt, Menschen zu morden, so hält er sich nicht für einen Mörder, gerade weil er es nicht aus Neigung, sondern beruflich getan hat. Aus Leidenschaft würde er nicht einer Fliege etwas zu Leide tun.

(S. 35-36, Organisierte Schuld, in: Die verborgene Tradition; Essays, 1944 - Hannah Arendt)

Ich könnte Listen von solchen Menschen erstellen.
Listen.

(Sehr schwer und schmerzlich ist dieser Umstand besonders, da man in vielen das Potential zu einer Besserung sieht, aber es dennoch nicht [mehr] schafft sie zu berühren und zu überzeugen. Sie wissen nicht [mehr] wovon man redet.)