Mittwoch, 13. April 2016

Was wir sehen, blickt uns an

Was wir sehen blickt uns an, besonders dann, wenn man beinahe alleine ist in einem Kinosaal, in dem es angenehm kaum merklich nach Holz und neuer Wärme riecht, die doch stets so vertraut ist. Vor allem blickt der Film einem in die Augen, wenn er sich mit dem Bild als solches befasst. Mit Gängen von Museen, mit Geschichtlichkeit, Historizität und vergangener Gegenwart. Eingetaucht in Sepia, die Fotos, die Filme innerhalb des Filmes, die Kameraschwenks, die bei Alexander Sokurov immer ein wenig trunken und wabernd wirken. In seinem neuesten Film "Francofonia" sieht man die Straßen und die Himmel von Paris, wohnt einer Verklärung der Stadt, des Landes Frankreichs und dessen Kunst bei. Ist aber auch Gast bei der Brechung dieses Vorgangs, bei Besetzungen von Bildern, Museen und Straßen, im buchstäblichen wie metaphorischen Sinne. Man sieht die Hand des Erzählers der Geschichte Fotografien vor die Kameralinse halten und vernimmt sein Kommentar dazu. Erst wenn er sie auf eine bestimmte Art knickt, sieht man den Schimmer der Lichtreflektion auf ihnen, wird dem Zuschauer gewahr, dass es kein Filmbild im herkömmlichen Sinne ist, sondern ein Bild im Bild, eine Fotografie, die gleichsam von einem Film der Lichtreflexion überzogen ist und dem Zuschauer und hier besonders auch Zuhörer in die Kamera gehalten wird. Sokurov verwebt scheinbar mühelos Faktizität mit Fiktion, lässt Wochenschaufilme ineinanderfließen mit gespielten Szenen und Reisen durch den Louvre in Paris. Auch die Sprachen fließen ineinander, legen sich auf das Ohr des Zuschauers, so gold-gelben wie die Aufnahmen des Filmes. Da wären das wunderschön Polnische des Erzählers, was alle Ecken und Räume mit Watte umpackt, dann das Französische, was ab und an ebenso aufblitzt. Das Museum als Ort der Ruhe und der Gemütlichkeit, in kleinen Momenten taucht es auf und ist seltsam entrückt. Deutlich wird: Es hat diese seltsame Stellung inne, es steht zwischen den Stühlen, auf der Schwelle, in der Dämmerung: es lebt und atmet die Vergangenheit, stellt sie aus und kommentiert sie, beherbergt sie und bietet ihr Schutz - und steht doch in der Gegenwart, kann von Füßen betreten oder zertreten werden, kann besetzt und ja - leider auch ausgeraubt und geleert werden. Die Nationalsozialisten und ihre Kollaborateure zeigen es so deutlich wie mühelos. Museen müssen immer auf Kriegszustände gefasst sein, mahnt an einer Stelle der Erzähler. Ja - müssen die Menschen das nicht auch? Vielleicht sind auch die Menschen Museen, wie sie da durch die Gänge huschen mit ihren Blicken auf den Bildern, mit ihren Blicken auf dem Floß der Medusa von Géricault oder auf der gemalten Marianne. Ihre Blicke und die Blicke des Erzählers, die Kamerafahrten und -fluchten bringen die Bilder in Bewegung, machen sie lebendig. Sie schweben geisterhaft schwerelos in die Köpfe der wenigen Kinozuschauer, wie sie da sitzen in ihren roten Sesseln. Die gemalten Augen der Mona Lisa blicken auf zwei Schauspieler, den Napoleon und die Marianne. Sind sie aus ihren Bildern oder aus der Zeit gefallen? Vielleicht ein bisschen von beidem, vielleicht nichts davon. Es scheint, als würden die Menschen auf den Gemälden im Louvre ihr Zuhause haben, auch wenn sie von den Nationalsozialisten verfrachtet und beschlagnahmt wurden, damals. Der Louvre ist noch da und mit ihm die Kunst. Was wir sehen, blickt uns an, besonders dann, wenn es sich um die Nähe des Todes handelt, um Gespenster, die durch die Museen und Herzen der Menschen schwirren. Die Zeit des Zweiten Weltkrieges, die Okkupation und die Kollaboration, sie ragen wie spitze, grellweiße Eisberge in die Gegenwart hinein. Am Ende sind flirrende Bewegungen im Dunklen, im Schwarzen auszumachen - oder wurden sie doch nur erträumt?

Homepage des Filmes: Francofonia

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